Eine Hand hält das Buch »Denk dir die Stadt« von Lejla Kalamujić an der rechten oberen Ecke vor einer Steinand. Davor steht die Überschrift: Geschichten gegen die Unsichtbarkeit. Lejla Kalamujić neuer Erzählband »Denk dir die Stadt«.
Erzählung

Lejla Kalamujić: Geschichten gegen die Unsichtbarkeit

Wer denkt sich eine Stadt?

Warum sitzt die alte Sofija betrunken auf der Bank vor ihrem Haus und schaut in den Mond? Wer steckt in dem Mozart-Kostüm und verkauft im schönen Wien Konzertkarten? Und warum will Ado die toten Tauben auf der Flughafenlandebahn einsammeln?

In ihrem neuen Buch »Denk dir die Stadt« erzählt Lejla Kalamujić die Geschichten von Menschen, die viel zu oft übersehen werden: von Frauen, von Queers, von Arbeiter*innen. Menschen, denen viel zu oft Chancen genommen werden. Die vom Schicksal und der Grausamkeit der Welt am härtesten getroffen werden. Und denen Glück nur in kleinen Momenten vergönnt ist.

Eine Hand hält das Buch »Denk dir die Stadt« von Lejla Kalamujić vor einer Steinwand. Daneben steht ein Zitat aus dem Buch: »Denn ich war früher Flüchtling hier, so wie du jetzt. Als dieser Krieg stattfand, warst du noch nicht mal geboren. Wie viel gleich geblieben ist in all den Jahren, konnte ich an dem Karton sehen, hinter dem du schüchtern standest. Ich wünschte, ich könnte dir sagen: "Kümmere dich nicht um die abschätzigen Blicke, weil ihr verkauft, was ihr gerade bekommen habt".«
Zitat aus »Denk dir die Stadt« von Lejla Kalamujić

Es sind Geschichten von und über Menschen, die vom Schmerz gezeichnet sind. Deren Beziehungen ihnen alle Kraft nehmen und die von einem Leben träumen, das sie nicht leben konnten. Weil sie die Marginalisierten in einer patriarchalen Welt sind, die sie, ihre Körper, ihre Liebe, ihr Leben als wertlos betrachtet. Sie werden ausgebeutet, missbraucht und gewaltvoll zum Schweigen gebracht.

Stimmen, die gehört werden müssen

Lejla Kalamujić gibt ihnen wieder eine Stimme und lässt für uns Gesichter hinter vergessenen Leben entstehen, deren Erfahrungen viel zu oft unsichtbar und vergessen bleiben. Es sind die Schicksale von Arbeiter*innen und Migrant*innen, die gegen jede Unwegbarkeit versuchen sich ein besseres Leben zu ermöglichen. Es sind Menschen, die von der Gewalt des Kriegen traumatisiert zurückbleiben und versuchen wieder einen Platz im Alltag zu finden. Es sind queere Menschen, denen aufgrund ihrer bloßen Identität scheinbar alles verwehrt wird.

Zwischen der Erinnerung an die Urgroßmutter oder dem ersten lesbischen Kuss gibt es neben allem Schmerz auch die Momente großer Herzlichkeit und Verbundenheit. Weil Freund*innen füreinander da sind und sich bis zum Ende unterstützen. Oder weil Liebe auch noch im hohen Alter gefunden werden kann.

Wir erleben Menschen, die sich mutig gegen jede Ungerechtigkeit stellen und sich selbst ermächtigen. Und auch diese, die daran gescheitert sind.

Traumata schweben wie Geister der Vergangenheit durch jedes Leben und beeinflussen uns auch über Generationen hinweg. Und damit schafft es Lejla Kalamujić gegen das Vergessen anzuschreiben, um eine Aufarbeitung zu ermöglichen. Sie zeigt, welche Auswirkungen Krieg und Gewalt auf Generationen von Menschen haben. Auch wenn die tatsächlichen Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien über 20 Jahre her sind, wirken sie bis heute nach. Dieses Schreiben über Krieg und was das mit Menschen macht, ist in unserer heutigen Zeit aktueller denn je.

Die Höhen der Sprachkunst

Im post-jugoslawischen Raum ist Lejla Kalamujić, die 1980 in Sarajevo geboren wurde, eine preisgekrönte Autorin, die zu einer der wichtigsten queeren Stimmen ihrer Generation zählt. Sie hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, wovon dank des Eta-Verlages und der Übersetzerin Marie Alpermann bereits 2020 der Band »Nennt mich Esteban« erschienen ist, der auch in Deutschland einiges an Aufmerksamkeit bekam.

In dem neuen Band »Denk dir die Stadt« sind 16 weitere Erzählungen versammelt. Die einzelnen Geschichten sind nur wenige Seiten lang, aber zeigen, wie mit wenigen Worten und in kurzen Einblicken ein ganzes Leben beschrieben werden kann. Lejla Kalamujić schafft es, so präzise und sparsam mit Sprache um zu gehen, dass jeder Satz eine große Wirkung erzielt.

Selten schafft es Literatur mit so wenig tiefe Spuren zu hinterlassen. Jedes scheinbar noch so kleine Detail kreiert in kürzester Zeit atmosphärische Welten und starke Emotionen, die uns Lesenden die Protagonist*innen so vertraut machen, dass wir das Gefühl haben, diese Menschen wirklich zu kennen, zu verstehen und sie in ihrem Kampf zu sehen.

Und das verdanken wir auch zum Großteil der hervorragenden Übersetzung aus dem Bosnischen von Marie Alpermann, die es geschafft hat, diese besondere Sprache für uns in Deutsche zu übersetzen. Es ist eine große Kunst, Literatur zu schreiben, die mit so wenig Worten so komplexe Welten erschafft. Doch es ist eine nicht weniger große Kunst, diese Wirkung in eine komplett andere Sprache zu übertragen.

Fazit

»Denk dir die Stadt« landet mit wenigen Seiten einen ungemeinen Wirkungstreffer. Lejla Kalamujić ist eine so großartige Erzählerin, dass sie für starke Emotionen und Charaktere nur ein paar Worte braucht – und das schafft Literatur nur ganz selten.


Vor der Lektüre

Inhaltswarungen: ACHTUNG! In »Denk dir die Stadt« geht es um harte und schwere Themen. Hier gibts eine Übersicht der Inhaltswarnungen zu den einzelnen Geschichten.

  • Was ist da in uns // Krieg, Klinik, Gewalt, mentale Gesundheit
  • Dämmerung // Krieg, Vergewaltigung
  • Eigentlich // Queerfeindlichkeit, Gewalt
  • Meine traurige Sofija // häusliche Gewalt, Alkoholkonsum, Totgeburt
  • Die ganze Welt zwischen uns // Tod der Eltern
  • An das wartende Mädchen am Gleis // Flucht

»Denk dir die Stadt« von Lejla Kalamujić ist in der Übersetzung von Marie Alpermann im Eta-Verlag erschienen.


Vor einer Steinwand ist ein Polaroid, auf dem das türkisfarbene Veranstaltungsbild mit den drei Übersetzerinnen Friederike Honert, Maria Meinel und Marie Alpermann abgebildet ist. Schrifttext auf dem Bild: Übersetzungskunst live! Literaturhaus Halle, 30.09.

Am 30.09. ist Hieronymustag – Internationaler Tag für Übersetzungen. Und dieses Jahr findet ein wunderbares Event im Literaturhaus Halle statt.

Die drei Übersetzerinnen Friederike Honert, Maria Meinel und Marie Alpermann geben spannende Einblicke in ihre Arbeiten.

Special Gast ist Lejla Kalamujić, die aus Sarajevo kommt und aus ihrem neuen Erzählband »Denk dir die Stadt« lesen wird. Und ich freu mich ganz besonders, dass ich die Lesung von Lejla Kalamujić und Marie Alpermann moderieren darf.


Eine Hand hält das Buchcover von Dragoslava Barzut »Die Nähe verliehren« vor einer Steinwand. Davor ist ein Schriftzug mit dem Beitragstitel: »Schreiben und Erinnern gegen Gewalt und Einsamkeit. Dragoslava Barzut über lesbische Liebe, aufwachsen im Krieg und Fußball«

Mehr grandiose Übersetzungen von Marie Alpermann gibt es hier: »Schreiben und Erinnern gegen Gewalt und Einsamkeit«

2 Comments

  • Dr. Hanna Petersen

    Ich bin erst kürzlich auf „Nennt mich Esteban“ gestoßen. Ich bin Ärztin und Psychoanalytikerin und lese leidenschaftlich gerne. So ein Buch habe ich noch nie gelesen!!! Ich finde es so großartig und wichtig, dass ich es irgendwie jedem Menschen empfehlen möchte. Als Roman geschrieben, umfasst es fragmentarisch in 22 Geschichten die existenziellen Themen, mit denen wir alle persönlich und gesellschaftlich konfrontiert sind; verstärkt durch Krieg und Menschen verursachtes Leid.

    Es ist auf diesem Hintergrund intellektuell, emotional, philosophisch, psychologisch, gesellschaftspolitisch und literarisch einmalig! Jede Zeile in diesem Büchlein ermöglicht eine überdauernde Anregung für innere Prozesse und auch den konkreten Austausch mit anderen. Weil die Geschichten so wahr, kreativ, berührend und trostspendend sind, wird es niemand vergessen, der es je gelesen hat. Aus tiefstem Herzen sage ich „Danke“ zu Frau Lejla Kalamujić und auch dem eta-Verlag!!!

    • queer.bookster

      Das freut mich sehr. »Nennt mich Esteban« hat mir auch sehr gefallen. Leider habe ich dazu noch keine Besprechung geschafft. Aber ja, so großen Dank an den eta-Verlag und an Marie Alpermann für die Übersetzungen!

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