Eine Hand hält das Buch Kevin Junk »RE:re:AW:Liebe« vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Wie poetisch ist Grindr? Kevin Junk im Lyrik-Debüt auf der Suche nach einer Sprache für Lust und Liebe«
Lyrik

Kevin Junks Lyrik-Debüt: Wie poetisch ist Grindr?

Von der Suche nach einer Sprache für Lust und Liebe

Gedichte über Liebe gibt es wie Sand am Meer. Gefühlt jeder cis Typ hat in jeder Epoche irgendwelche cis Frauen angehimmelt, verehrt, begehrt, verdammt und so weiter. Will ich nicht weiter bewerten und nicht drüber schreiben. Spannend wird es erst, wenn Liebe außerhalb des heteronormativen Einheitsbreis stattfindet. Denn wie beschreibe ich das, was bewusst außerhalb der Norm gehalten wird? Welche Worte kann ich für die Liebe und das Begehren finden, dass gewollt von der Gesellschaft verschwiegen wird?

Eine Hand hält das Buchcover von Kevin Junk »RE:re:AW:Liebe« vor einer Steinwand. Daneben steht das Zitat: »wie weit ist es noch zu dir / Siri antwortet / misst die Wegstrecke in Bindungsstörungen // ich schalte einen Gang hoch / die Tankanzeige blinkt // das Gleitgel ist leer« (aus Siri, wo finde ich den nächsten Drogeriemarkt, aus »RE:re:AW:Liebe«, S. 11)
Buchcover von Kevin Junk »RE:re:AW:Liebe« mit Zitat

Auf diese Suche macht sich Kevin Junk in seinem Lyrik-Debüt »RE:re:AW:Liebe« und versucht eine Sprache für schwul/queeres Verlangen zu entwickeln. Ein Verlangen, in dem sich Lust und Begehren mit Sehnsucht und Liebe mischen – nicht als Gegensatzpaare, sondern als ein Mit- und Ineinander. Ein Verlangen nach einer Vervollkommnung außerhalb unseres Selbst. Ein fast schon digital-metaphysisches Verlangen nach Liebe, Sex, Gemeinsamkeit.

Digital, weil schwul/queeres Leben und Dating schon immer magrinalisiert und sanktioniert wurde und durch Datingseiten und Apps eine neue Leichtigkeit bekommen hat. Metaphysisch, weil wir doch alle unabhängig von unserer Geschlechts_identität und unserer sexuellen_romantischen Orientierung nach Personen suchen, mit denen wir uns verbunden fühlen – körperlich und_oder emotional.

Sprachliche und poetische Grenzen aufbrechen

Wer jetzt denkt, »hä was? zu kompliziert«, kann noch mal die eigenen Stereotypen und Grenzen im Kopf hinterfragen. Alle anderen haben vielleicht schon erlebt, dass Liebe und Begehren mehr ist, als nur eine monogame Zweierbeziehung und sind offen in ihrer Suche. Also warum nicht auf Grindr das finden, was mensch sucht? Den Genuss und die Vereinigung mit psychoaktiven Substanzen verstärken oder einfach die Sterne oder die Karten um Rat fragen.

Wie queere Liebe die Grenzen der heteronormativen Gesellschaft aufbricht, so muss auch queere Lyrik über Liebe die Grenzen von Sprache und Vorstellungen von Poetik in Frage stellen. Kevin Junk gibt uns in »RE:re:AW:Liebe« einen Einblick davon, wie das aussehen kann. Natürlich kann Analsex ein hoch romantischer Akt sein. Natürlich steckt in Chatnachrichten eine Poesie der Liebe. Und natürlich bekommen auch die Worte eine liebevolle Konotation, die sonst patriarchalen Machtgefügen unterworfen sind: Schwanz, Arsch, Sperma.

Kevin Junk (er/they) wandelte mit dem Debütroman »Fromme Wölfe« 2021 bereits durch Clubnächte und Substanzkonsum auf der Suche nach Freiheit und Liebe. Als Herausgeber der Anthologien »Parabolis Virtualis« gibt they seit zwei Jahren queeren Spachexperimenten und Ausdrucksformen einen Platz im Literaturgeschehen. Mit den 24 Texten aus »RE:re:AW:Liebe« entwickelt Kevin Junk keine eigene Poetik, sondern öffnet eher unsere Auffassung von Lyrik. Es ist keine umfassende Betrachtung, sondern viel mehr ein Einblick.

Ein Einblick in kurze und flüchtige Momenten des Begehrens und der Zuneigung, die uns selbst anregen, erregen und bewegen können. Wir müssen uns öffnen, unsere Sprache, unser Verständnis – dann finden wir Liebe auch an bisher vielleicht überraschenden Orten.

Doch ist das schon genug? »RE:re:AW:Liebe« erfindet nichts neu, revolutioniert nicht die Sprache, gibt uns keine machtkritische Analyse von queerem Begehren. Aber Kevin Junk erweitert den Horizont für Menschen, die nichts mit queerer Liebe zu tun haben und schafft Sichtbarkeit und Anerkennung für die, die viel zu oft verschwiegen, ausgestoßen, pervertiert werden. Und das ist ein unglaublich wichtiger Schritt – für queere und nicht-queere Menschen, für Sprache und Kommunikation, für ein Verständnis über sogenannte Communitys hinaus.

Letztendlich macht uns Kevin Junk mit »RE:re:AW:Liebe« Lust auf mehr. Lust auf mehr Experiment, auf mehr Kritik und mehr Grenzüberschreitungen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was als nächstes kommt.

Fazit

»RE:re:AW:Liebe« von Kevin Junk ist ein kleiner lyrischer Einblick in queeres Begehren, Liebe und die Suche nach einer Sprache für zwischenmenschliche Beziehungen, die noch immer verschwiegen und verdrängt werden. Davon wollen wir mehr – viel mehr!

Vor der Lektüre

CN: Sex und Begehren, Substanzkonsum

Der Lyrikband »RE:re:AW:Liebe« von Kevin Junk ist im Verlagshaus Berlin erschienen.


Auf lila Hintergrund ist ein Autorenfoto Kevin Junk mit dem Buchcover von »RE:re:AW:Liebe«. Dadrüber steht: Queere Lyrik | Lesung und Gespräch mit Kevin Junk 20.10. 22, 19 Uhr
Mischbatt’rie, Wörmlitzerstr. 1, 06110 Halle Darunter sind die Logos von [kju] und FES.

Save the date! Lesung und Gespräch mit Kevin Junk

Im Rahmen von [kju], dem queer_feministischen Kollektiv Halle, darf ich am 20.10.22 um 19 Uhr in der Mischbatt’rie Halle mit Kevin Junk über queere Lyrik sprechen. Also kommt alle vorbei!


Eine Hand hält das Buchcover von Kevin Junks »Fromme Wölfe« vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Fromme Wölfe als Beute der Liebe und des Rausches. Kevin Junk über eine Stadt, eine Nacht, ein Lebensgefühl

Lust auf mehr Literarisches von Kevin Junk bekommen? Dann schau doch mal hier: »Fromme Wölfe als Beute der Liebe und des Rausches«

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