Chris vor einer Steinwand hält das Buchcover von »Parabolis Virtualis« vor dem Gesicht, so dass es halb verdeckt wird. Im Vordergrund steht der Titel des Blogartikels: »Parabolis Virtualis: Neue, Queere Lyrik. Warum wir mehr Lyrik lesen sollten«
Lyrik

Parabolis Virtualis: Neue, Queere Lyrik

Warum wir mehr Lyrik lesen sollten

Achtung! Achtung! Dies ist eine Hymne auf Lyrik – im speziellen auf queere Lyrik!

Denn immer weniger Menschen interessieren sich für Lyrik. Und das ist nicht nur schade, sondern ein erheblicher Verlust. Denn Lyrik ist viel mehr als nur eingestaubte Gedichte in festen Reimschemata, aus denen dann auch noch ein bestimmter Rhythmus heraus gehört werden muss. Der Deutschunterricht der Schule ist der Tod der Lyrik, weil es jeden Spaß an ihr nimmt und sie bis zur staubtrockenen Verwesung analysiert und interpretiert.

Dabei ist Lyrik viel mehr – sie ist ein Gefühl, eine Stimmung, ein Augenblick. Mal ganz zart und einfühlsam, dann wieder sehr laut und wütend. Und ganz oft so vielfältig in all den Tönen dazwischen.

Lyrik ist gelebtes Wort. Ein Nachhorchen und Nachforschen bis in das kleinste Detail hinein. Bis zu einer Ursprünglichkeit. Oder bewusst ambivalent in all den Bedeutungen eines Symbols.

Lyrik ist durch ihre pure Emotion für alle verständlich – und gleichzeitig auch geheimer Sprachcode für eine ausgewählte Gruppe. Denn Lyrik rüttelt an den Sprachmauern des Selbst, der Umwelt, der Gesellschaft.

Lyrik ist politisches Manifest und der Funken für die Revolution. Doch sie ist auch der letzte Ausweg aus der eigenen Unterdrückung, wenn alles eingeengte endlich einen Weg hinaus braucht.

Lyrik ist Ausdruck und Experiment in einem. Sie ist Vergangenheit und Zukunft – und ein Versuch, das mitzuteilen, für was es eigentlich keine Worte gibt.

Lyrik ist damit queer – weil auch queer eine Revolution ist, an Grenzen und Mauern rüttelt und das in Frage stellt, was als Regel und Norm angesehen wird. Queer ist genau so wenig greifbar und bewegt sich zwischen ganz subjektiv, konkret bis hin zu allgemein und übergreifend.

Queer ist ein Eingesperrt sein, dass aus einer*m heraus will. Ein Schrei nach Liebe und Anerkennung. Ein Gefühl. Eine Perspektive. Ein Leben.

Queer ist Lyrik

Und all das zeigt der neue Lyrikband »Parabolis Virtualis. Neue, Queere Lyrik«, der von Kevin Junk herausgegeben wurde und im Sommer 2021 im Querverlag erschienen ist. »Parabolis Virtualis« versammelt elf Autor*innen, die jeweils versuchen, ihre Erfahrungen, Eindrücke und Forderungen in Worte zu fassen. Es ist queeres Leben pur. Und das Experiment auch (queere) Worte für etwas zu finden, dass immer sprachlich und gesellschaftlich ausgegrenzt wird.

Das Gleichnis steckt schon wortwörtlich im Titel »Parabolis Virtualis«. Doch ein Gleichnis wofür? Für queeres Leben? Für queere Perspektiven? Für queere Stimmen? Vielleicht auch alles gleichzeitig. Denn Leben, Perspektiven und Stimmen hängen immer zusammen. Das Leben prägt die Erfahrungen, die wir machen. Diese beeinflussen unsere Sicht auf die Welt. Und aus dieser Position heraus können wir unsere Stimme erheben, um über das Leben zu sprechen und zu schreiben. Aber welche Stimmen werden gehört? Und welchem Leben wird welche Position ermöglicht oder gerade auch verhindert?

Queer ist immer doppelbödig – eine Befreiung und Verfolgung gleichzeitig. Ständig lauert die Gefahr ausgegrenzt zu werden und für das bestraft und abgewertet zu werden, das einfach IST und SEIN WILL. Das zeigen unter anderem die vielfältigen Gedichte, Slamtexte und Prosaexperimente in diesem Band, die genau so individuell sind wie die Perspektiven der Autor*innen.

Queere Worte, die treffen und bleiben

Das Spiel mit Sprache in der höchsten Form schafft Jchj V. Dussel mit dem Text »Bauer(n)Schwuchtel(n) cum together«. Irgendwo zwischen Wortwitz und etymologischer Verkettung von Landwirtschaft, Schimpfworten und Agrar-Sexualität legt sich eine queere Realität offen, die leben und lieben will – im Einklang mit der Erde und anderen Menschen. J findet eine ganz eigene Sprache, die Raum schafft für eine freie Entfaltung, Klimaschutz und Selbstverwirklichung. Geile Kombi, selten so pointiert gelesen!

Ein Gefühl und Empfinden in Worte zu fassen, für das es kaum eine Sprache gibt. Das ist Biba Nass gelungen, wenn they darüber schreibt, wie es sich anfühlen kann, nicht-binär zu sein. Ein Farbenrausch der wechselt und sich wandelt und in allen Facetten strahlt. Ja, Ja, Ja! Selten habe ich mich so wiedergefunden, in mir und meinem Gefühl. Das ist der Moment, wenn own voice Literatur auch Leser*innen empowert!

Die kurzen Texte mit poetry slam Charakter von Lynn Takeo Musiol sind vor allem eins: ironisch-wütende Kapitalismuskritik. Es geht um Großstädte und Klassismus. Aber auch darum, wie butchverträglich eine work-life-balance sein kann. Es werden auf leichte Weise die großen Fragen gestellt: Welchen Platz kann queeres Leben in einer neoliberalen Gesellschaft haben? Und geht das oder will das überhaupt zusammen gehen?

Die diagnostizierte Fassade einer intensiven
Biographie brummt dann unter dem Vorschlaghammer.

Und fällt vorbildlich mit Natriummangel in die
Ewigkeit.

Wir zersplittern deutlicher als andere.

Tajem Michalik, »Toter Wildwuchs« in »Parabolis Virtualis«.

»Parabolis Virtualis« eröffnet durch die Sammlung der sehr unterschiedlichen Perspektiven die ganze Bandbreite queeren Lebens – von Begehren über Geschlechtsidentität und Körper bis hin zu der Platzsuche in einer Gesellschaft, die alles Leben zu unterdrücken scheint. Dadurch wird vor allem die politische Ebene von Queerness betont. Aus der Position abseits der Mehrheit kann mit eigenem Blick auf alle Fehler des System geschaut werden. Das ist der revolutionäre Ausgangspunkt von queerer Lyrik.

Zwischen Zugehörigkeit und Verständnis

Für wen ist queere Lyrik? Für alle. Genau weil es um Gefühle und Stimmungen geht, um Zugehörigkeit und Enge und Freiheit. Das sind universelle Themen, die auch nicht-queere Menschen fühlen und erleben. Darüberhinaus kann queere Lyrik eine Tür öffnen, die Räume zeigt, für die Menschen außerhalb der Community keinen Zutritt und kein Verständnis haben.

Doch in erster Linie sind diese Worte ein Geschenk in jedem queeren Herzen. Weil sie eine Welt öffnen, in der ein ankommen, verstehen und teilhaben möglich ist. Es ist so wichtig, Texte zu lesen, die eigene Lebensrealitäten widerspiegeln, in denen queere Menschen sich gesehen und zugehörig fühlen können. Und es ist um so wichtiger, dass queere Autor*innen eine Plattform und Publikation bekommen, damit sie sich ausdrücken können in einer Gesellschaft, die sie eigentlich nicht haben will. Und damit sie eine Stimme sein können für die Menschen, die immer noch nicht gehört werden.

Fazit

»Parabolis Virtualis« ist eine wichtige Sammlung von aktueller queerer Lyrik. Und muss in jedes queeres Herz. Denn diese Lyrik ist kraftvoll, systemkritisch und emotional. Alles das, was gute Lyrik ausmacht!

Vor der Lektüre

»Parabolis Virtualis. Neue, Queere Lyrik« ist im Querverlag erschienen.

Von Kevin Junk herausgegeben, sind lyrische Texte von Anna Hetzer, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Samantha Bohatsch, Biba Nass, Jan Koslowksi, Myriam Sauer, Lynn Takeo Musiol, Tajem Michalik, Jchj V. Dussel, Alexander Graeff, Siham Karimi und Kevin Junk. Die llustrationen im Buch stammen von Alkfaen.


Eine Hand hält die Bücher »Bone« und »In den Knochen« von Yrsa Daley-Ward vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Über Schmerzen, Sehnsucht und neue Kraft. Lyrik von Yrsa Daley-Ward

Mehr queere und empowernde Lyrik gefällig? Dann klick hier: »Yrsa Daley-Ward über Schmerzen, Sehnsucht und neue Kraft«

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