Eine Hand hält das Buchcover von Rona Torenz »Ja heißt Ja?« vor einer Steinwand. Davor ist der Schriftzug: Wenn ja nicht gleich Ja heißt. Rona Torenz über Sex, Zustimmung und feministische Debatten.
Sachbuch

Rona Torenz: Wenn JA nicht gleich JA heißt

Über Sex, Zustimmung und feministische Debatten

CN: sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung

Eine Folge der #metoo Bewegung ist die Verhandlung von einvernehmlichem Sex – jetzt auch in Deutschland. Eigentlich längst überfällig! Denn während in den USA schon intensiv über ein »Ja heißt Ja« diskutiert wird, muss hierzulande immer noch ein »Nein heißt Nein« begründet werden. Nicht zu vergessen, die unzureichende Reform des Sexualstrafrechts von 2016, die zwar Vergewaltigung auch als solche anerkennt, wenn ein »Nein« geäußert wurde, aber das reicht längst noch nicht aus. Konsens – oder eben Zustimmung – zu sexuellen Handlungen ist immer noch viel zu wenig in der gesellschaftlichen Debatte. Statt dessen halten sich starre heteronormative Vorstellungen von Geschlecht, die feministische Diskurse weglächeln und verunmöglichen.

Um so wichtiger, dass es »Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex« von Rona Torenz gibt. Denn in dem Buch zeichnet Torenz die Auseinandersetzungen rund um Zustimmungskonzepte nach und zeigt auf, was verschiedene Konzepte nicht einbeziehen bzw. außer Acht lassen. Kleiner Spoiler: Es geht – wie immer – um gesellschaftliche Machtverhältnisse. Und diese Betrachtungen sind so wichtig und wertvoll, gerade für eine Debatte in Deutschland, denn damit könnten die nächsten Strafrechtsreformen, Aufklärungskampagnen und Bildungsprojekte gleich zwei oder drei wichtige Schritte in die richtige Richtung machen. Und nicht zu letzt zwischenmenschliche Beziehungen gewaltfreier gestaltet werden.

Denn darum geht es auf einer, vielleicht der wichtigsten Ebene von Konsens: Gewalt und Grenzüberschreitungen vermeiden, damit Menschen geschützt werden bzw. sich selbst schützen können. Und auf der anderen Seite gehört dazu auch, dass ich Sex habe, wann und wie ich will. Also wenn ich Sex aktiv zustimme. Und damit sind wir eigentlich auch schon mitten in der Debatte und im Buch.

Buchcover von Rona Torenz »Ja heißt Ja?« mit Zitat

Ein »Ja« als Prinzip der Zustimmung

In »Ja heißt Ja« übt Rona Torenz Kritik eben an diesem Konzept – und zwar aus positiver Solidarität. Um das Konzept über Einvernehmlichkeit weiter entwicklen zu können und auf bisherige Lücken aufmerksam zu machen. Dabei greift Torenz gesellschaftliche Aspekte und Entwicklungen auf, als auch spezifische feministische Positionen aus dem Konsens-Diskurs.

Kurz noch mal zum Überblick: Während »Nein heißt Nein« eine Ablehnung zu sexuellen Handlungen formuliert und damit eine Grenze zieht, geht es bei »Ja heißt Ja« um Zustimmung als Grundlage beim Sex. Heißt konkret, dass eine Grenzüberschreitung immer dann passiert, wenn zu einer Handlung nicht aktiv zugestimmt wird – statt sie nur mit einem nein abzulehnen.

Doch wie erfolgt diese Zustimmung? Verbal und_oder non verbal? Wie kann ein »Ja« eindeutig kommuniziert werden? Wer gibt die Zustimmung überhaupt? Und vor allem warum und unter welchen Umständen? Das sind die wichtigen Fragestellungen, denen Rona Torenz nachgeht.

Ich kann »Ja« sagen, auch wenn ich nicht will

Dabei entwickelt sie drei zentrale Kritikpunkte. Zum einen, dass beim Zustimmungskonzept »Menschen als rational handelnde, autonome Subjekte« (Torenz, 2019, S. 148) angesehen werden. Klingt an sich super toll. Das Problem ist nur, dass Menschen nicht in jeder Situation rational handeln oder autonome Entscheidungen treffen können. Außerdem wird hierbei vorausgesetzt, dass absolut klar sein muss, wozu ich zustimme. Also was soll beim Sex passieren. Und dafür muss ich überhaupt erst mal wissen, worauf ich Lust habe. Sprich, das alles ist zwar in der Theorie super, aber sehr voraussetzungsvoll für viele Menschen.

Um wirklich zustimmen zu können, muss ich die Situation auch mit all ihren möglichen Konsequenzen genau einschätzen können und mich und meine Bedürfnisse klar haben. Und das ist nicht unbedingt bei jeder sexuellen Handlung der Fall auch wenn dabei keine Grenzüberschreitung erfolgt. Zudem sind die wenigsten Menschen so offen, vor allem zu sich selbst, dass sie wissen würden, worauf sie beim Sex Lust haben und wie ihr Körper empfindet. Es wird vorausgesetzt, dass Menschen ein hohes Maß an Selbstreflexion haben und ihr Wollen und Begehren auch gut kennen. Das entspricht leider nicht in allen Fällen der Realität.

Ein zweiter Kritikpunkt von Rona Torenz ist, dass eine »Fokussierung auf ausdrückliches Einverständnis als Hebel zur Verhinderung sexualisierter Gewalt […] die Wirkungsweise von Machtverhältnissen« (Torenz, 2019, S. 149) außer Acht lasse. Machtverhältnisse wirken einfach immer und überall. Und sie beeinflussen, meist auch unbewusst, unsere Entscheidungen. Deshalb kann Zustimmung aus ganz unterschiedlichen Gründen erfolgen. Ich kann nicht nur »Ja« sagen, weil ich gerade Lust auf Sex habe, sondern auch, um in einer Beziehung meine*n Partner*in nicht zu verletzten oder ihr*m zu gefallen. Und dabei muss ich noch nicht mal Sex wollen, aber trotzdem dazu bereit sein, weil ich damit etwas anderes beabsichtige.

Oder ich kann unter Druck gesetzt werden, Sex zu wollen. Nicht unbedingt weil ich bedroht oder bedrängt werde, sondern viel mehr, weil mir die Gesellschaft sagt, dass ich dann und dann so und so viel Sex haben sollte. Oder dass es doch toll ist, ständig Sex auf diese und jene Art zu wollen. Sprich, ein bloßes »Ja« reflektiert nicht automatisch auch gesellschaftliche Normen und Machtgefälle die zu einer Zustimmung führen und berücksichtig nicht alle Umstände der Situation, in der diese erfolgt.

Wie »Ja heißt Ja« vor allem heteronormative Vorstellungen bedünstigt

Auch wenn wir annehmen, dass die Situation, die Konsequenzen und die Bedürfnisse klar sind, geht das Zustimmungskonzept davon aus, dass eine fordernde Person sich die Rückversicherung von einer zu schützenden Person einholt. In dem weit verbreiteten Bild fragt der dominante Mann die passive Frau um Erlaubnis. Und damit liegen nicht nur tradierte heteronormative Geschlechtervorstellungen offen da, sondern werden auch noch reproduziert. Oder wie Rona Torenz es kritisiert: »‚Ja’ heißt ‚Ja‘ […] kann so kaum zu einer Veränderung hegemonialer Sexualkultur beitragen« (Torenz, 2019, S. 150).

Denn implizit werden Frauen als schwach und passiv konstruiert und Männer gleichzeitig als allseitig potent und zum Sex bereit. Das entspricht nicht der Realität und unterstützt auch noch toxische Vorstellungen von Männlichkeit, die eigentlich mit einem Zustimmungskonzept aufgebrochen werden sollen. Damit wird deutlich, dass Zustimmung nicht ausreicht, um Gewalt vorzubeugen oder zu vermeiden. Eigentlich muss schon viel früher angesetzt werden – an binären Vorstellungen von Geschlecht. Heißt, es braucht umfassende Bildungsarbeit und gesellschaftliche Diskurse darüber, welches Verhalten und welche Annahmen zu Gewalt führen. Stichworte sind rape culture und victim blaming.

Sex ist ein Prozess

Rona Torenz Analyse ist im Kern sehr heteronormativ zentriert. Queere Perspektiven und Sex außerhalb eines binären Geschlechtersystems finden kaum Beachtung. Auch Diskurse von Menschen, die Behinderung erfahren werden nicht mit in die Debatte aufgenommen. Sehr schade! Denn gerade aus diesen aktivistischen Richtungen gibt es noch mehr Sichtweisen auf Freiwilligkeit, Zustimmung und vor allem Einvernehmlichkeit. Zwar spricht Torenz selbst an, dass es dazu bisher wenig Statistiken und Forschungen gibt, aber die Perspektiven und Stimmen aus den Communitys sind dennoch da. Um eine umfangreiche und intersektionale Debatte über Sex führen zu können, müssen diese eindeutig mehr Berücksichtigung finden!

Denn letztendlich geht es bei einvernehmlichem Sex immer um gesellschaftliche Machtverhältnisse, Bedürfnisse und Kommunikation, wie Rona Torenz selbst aufzeigt. Und zu Machtverhältnissen gehört nicht nur eine Analyse von binären Geschlechtern, sondern auch andere Aspekte wie race, sozio-ökonomischer Hintergrund, zugeschriebene Behinderung, Alter und und und.

Fazit

»Ja heißt Ja?« ist kein Buch, um neu in die Debatte einzusteigen, sondern eher für die Menschen, die sich schon mit Konsens etwas anfangen können. Doch Rona Torenz zeigt umfangreich auf, warum einvernehmlicher Sex wichtig ist und Zustimmung nicht gleich Zustimmung ist. Alles zu beachten ist sehr voraussetzungvoll und fordert vor allem eins: Selbstreflektion. Nicht nur über die eigenen Vorlieben und Begehren, sondern auch über eigene Privilegien und die Involviertheit in Machtverhältnisse.

Auch wenn bei der Analyse von Machtverhältnissen einige Ebenen fehlen, ist dieses Buch doch vor allem eine solidarische Bekundung zu feministischen Kämpfen, um eine breite gesellschaftliche Debatte über Einvernehmlichkeit und für mehr Prävention von sexualisierter Gewalt – und damit auch eine Forderung nach mehr Bildungs- und Aufklärungsarbeit, die von einer Täter–Opfer–Schablone zu einer verantwortungsbewussten Interaktion übergeht.

Vor der Lektüre

Content Note/ Inhaltswarnung: sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung

Das Buch »Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex« von Rona Torenz
ist im Schmetterling Verlag erschienen.

*** unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar ***


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