Roman

Willkommen im Traum(a)ministerium

Kolumnen mit unangenehmen Wahrheiten

Hengameh Yaghoobifarah ist aus dem queer feministischen Diskurs seit Jahren nicht mehr weg zu denken. Die Kolumnen von Hengameh Yaghoobifarah in der taz oder im Missy Magazin sprechen wichtige und unbequeme Dinge an – und polarisieren deshalb. Nicht zu letzt im Sommer 2020 als der Text »All cops are berufsunfähig« vor allem einen shit-storm, Klagedrohungen vom Innenminister und eine halbherzigen Diskussion um Satire, aber leider keine gesellschaftliche Debatte um Polizei und deren rechte Strukturen auslöste. Dieses Phänomen – viel Wirbel, viel Aufregung, viele erhitze Gemüter, aber keine Auseinandersetzung mit Inhalten – lässt sich auch in den Rezensionen zu »Ministerium der Träume«, dem Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah feststellen.

Hengameh Yaghoobifarah »Ministerium der Träume« mit Zitat

Zwischen Trauerarbeit und Krimi-Trash

Wenn die Polizei an der Tür klingelt, ist das nie ein gutes Zeichen. Vor allem nicht für Menschen, die jeden Tag Rassismus erfahren. Doch diesmal bricht für Nas aus einem anderen Grund die Welt zusammen. Ihre Schwester Nushin wurde tot aufgefunden. Der Polizei nach ein Autounfall. Doch Nas ist von einem Selbstmord überzeugt, da die depressiven Episoden der Schwester in letzter Zeit wieder stärker waren – oder? Neben der Trauer muss auch ein neuer Alltag bewältigt werden, denn Nas ist jetzt für ihre 14-jährige Nichte Parvin verantwortlich.

Über allem schwebt die Frage, was ist Nushin wirklich passiert? Welche Geheimnisse hatte sie? Und wie kann ein Leben ohne sie weitergehen?

Die Befürchtung bewahrheitete sich. Nationalismus war die billigste Droge, sie kostete nur ein paar Leben, die in diesem Land ohnehin nie von Wert gewesen waren, sie machte schnell high, doch der Kater danach war ein verdammter Abfuck, vor allem für jene, die nüchtern bleiben.

Hengameh Yaghoobifarah »Ministerium der Träume« (S. 177)

Was wie ein Familien- und Gesellschaftsdrama beginnt, bekommt immer mehr Elemente eines Krimis, bis es gegen Ende auch noch herrlich absurd und trashig wird. Die Handlung hat einiges an überraschenden Momenten zu bieten und ist von einer angespannten Grundspannung durchzogen, die ein Loslassen kaum zulässt.

Verfolgt vom Trauma der Vergangenheit und Zunkunft

Der Roman wirft die Leser:innen gleich von den ersten Seiten an in einen Strudel aus Trauer, Wut, Frust und Hilflosigkeit. Sofort sind wir in der emotionalen Welt von Nas, die geprägt ist von Traumata der Vergangenheit, die große Löcher des Bewusstseins in der Gegenwart reißen – und sowohl die Hauptfigur als auch die Leser:innen nicht loslassen. Denn Nas ist geprägt von Alltags- und strukturellem Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus, Klassismus, body shaming und damit vor allem von dem Gefühl, permanent um die eigene Existenz zu kämpfen. Es ist also komplett verständlich, dass alles von einer Aggression und Wut durchzogen ist, die zum weiterkämpfen und verzweifeln gleichzeitig pusht.

Dieser Roman ist einfach alles: kritische Gesellschaftsanalyse, Familiendrama, Krimi. Denn es geht um nicht viel weniger als Rassismus, Rechtsextremismus in Deutschland, sexuelle Übergriffe, Suizid und Depression, Gewalt gegenüber queeren Menschen und vor allem um die Suche nach dem Leben und Überleben der eigenen Identität zwischen all dem Scheiß des Alltags.

Sie erinnern dich permanent daran, dass sie immer sanft und du immer grob sein wirst. Sie immer verletzt, du wütend. Sie mutig, du aggressiv. Sie Menschen, ich Monster. Weiße Frauen brauchen keine Gewehre, um dich als Geisel zu nehmen, sie haben ihre Tränen.

Hengameh Yaghoobifarah »Ministerium der Träume« (S. 134)

Zwischen drin schwebt ein Humor der Absurdität, denn manchmal hilft es einfach nur zu Lachen und mit dem Kopf zu schütteln – wie beim ersten Elternabend an Parvins Schule oder wenn die Polizei vor der Tür steht und ihre tollen Ermittlungsgebnisse feiern will. Hier werden Machtstrukturen, scheinbare Überlegenheit und gesellschaftliche Stereotype aufgedeckt und zeitgleich bissig kommentiert. Denn wie absurd ist das ganze eigentlich?

The struggle is real

Und das ist genau die große Stärke des Romans. Er ist nicht überladen mit Themen, sondern so real wie die Erfahrungen, die Mehrfachdiskriminierung im Leben hinterlässt. Jeden Tag. Denn the struggle is real. Das können wahrscheinlich nur die Menschen nachfühlen, die auch mit den entsprechenden oder vergleichbaren Traumata in ihren Köpfen und Körpern leben. Denn dann ist das Erleben und die Innenwelt von Nas und damit auch der Roman an sich besser nachvollziehbar.

Also platze es aus mir heraus. In einer Sprache, in der ich keine Wörter für das kannte, was ich war, zeigte ich mich Mâmân zum ersten Mal, ohne das Wesentliche zu verstecken. Etwa fünfzehn Jahre lang hatte ich mein Selbst vor ihr verleugnet, nun war es ausgesprochen und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie versuchte es trotzdem.

Hengameh Yaghoobifarah »Ministerium der Träume« (S. 325)

Die Sprache ist direkt aus dem Alltag gegriffen – selbstironisch und präzise. Die Worte sind hart und klar. Sie schmerzen genau da, wo es wehtun soll. Hier wird der Finger in die Wunde gelegt, damit wir alle die Verletzung genau betrachten und den Schmerz mitfühlen können.

Es wird nicht übertrieben, und wenn denn sind trashige und absurde Momente dafür notwendig, den ganzen realen, negativen Abfall irgendwie zu überstehen. Es wird nicht unnütz auf die Tube gedrückt, sondern ein fiktionaler Ausweg für die Probleme der Wirklichkeit geschaffen, denn die können und dürfen nicht übersehen werden.

Das Problem der Rezeption

Und da schließt sich der Kreis zum Anfang. Denn was durchweg in vielen Rezensionen zu »Ministerium der Träume« zu lesen ist: Es wird absurd, es überfordert, es ist handwerklich zu flach. Was zu wenig besprochen wird: Traumaerfahrungen, Alltagsrassismus, rechtsextreme Strukturen und queeres Leben. Warum?

Vielleicht weil das die Themen sind, die für mehrheitlich weiße, cis-hetero Leser:innen schwer nachvollziehbar und überfordernd sind. Weil da die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmt, wenn entsprechende Lebenrealitäten sich nicht überschneiden. Und weil vielleicht dadurch auch einfach ein Verstädnis von Humor und Bewältigungsstrategie verloren geht, wenn ich selber aus meiner Identität das Privileg genieße, vor vielen besprochenen Themen im Alltag meine Augen verschließen zu können.

Fazit

»Ministerium der Träume« ist ein Roman, der so vielfältig ist, wie das Leben. Der wütend ist wie Menschen, die ständig Diskriminierung erfahren. Und so kraftvoll wie alle, die weiter kämpfen.

Vor der Lektüre

Content- und Triggerwarung: Rassismus und rassistische Gewalt;
sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung; Suizid.

Das Buch »Ministerium der Träume« von Hengameh Yaghoobifarah ist bei Blumenbar/Aufbau-Verlag erschienen.

Außerdem gibt es eine sehr empfehlenswerte Lesung mit Interview von Hengameh Yaghoobifarah und Margarete Stokowski vom 13. April 2021 im Literaturforum Berlin.

»Ministerium der Träume« Hengameh Yaghoobifarah und Margarete Stokowski im Gespräch (13.04.2021)

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