Eine Hand hält eine Postkarte mit einem Motiv von Roswitha Hecke vor eine Wand. Davor steht die Überschrift: Queere Literatur und Mutter-Rollen. Über die verschiedenen Darstellungen der Mutter in aktueller queerer Literatur
Gedanken und Diskurs

Queere Literatur und Mutter-Rollen

Welche Mutter-Rollen gibt es in aktueller queerer Literatur? Welche Beziehungen beschreiben schwule, lesbische, trans* und nicht-binäre Autor*innen über Mütter? Hat sich das Bild der Mutter in queerer Literatur die letzten Jahre verändert? Diese und ähnliche Fragen wurde ich letztens von Michael Freckmann vom Mannschafts Magazin für den Artikel »Heilige, Freundin, Fremde – Über die Mutter in der queeren Literatur« gefragt. Meine Antworten und Gedanken dazu werde ich hier erweitern.

Mütter sind allgegenwärtig in der Literatur

Die Darstellungen der »Mutter« in der Literatur ist so lang und alt, wie die Menschheits- und Literaturgeschichte selbst. Schon immer haben Menschen über Mütter geschrieben – weil sie ein wichtiger Bestandteil des Lebens sind. Meist sind es Mütter, die gebären (auch trans* Männer können Kinder gebären) und den Nachwuchs aufziehen (Stichworte: Patriarchat, care-Arbeit und Reproduktion).

Die Abarbeitung an Müttern und ihren Rollen hat eine sehr lange Tradition und ist in allen altertümlichen Mythen und Religionen präsent. Angefangen mit Fruchtbarkeitsgöttinnen, über Medea, die sich als mythologisch-literarische Figur durch alle Jahrhunderte zieht, bis hin zu religiösen Erzählungen von Eva und Maria: Die Mutter war und ist immer präsent.

Vor allem zwei stereotype Darstellungen haben sich über die Zeit hinweg festgeschrieben – die der liebevoll-aufopfernden und die der bösen Stiefmutter. Darin finden die patriarchalen Frauenbilder von »der Heiligen« und »der Hure« ihre Übertragung im Kontext Mutterschaft.

Gerade queere Literatur arbeitet sich in besonderem Maße am Thema Mutter ab. Denn fast immer gibt es an der ein oder anderen Stelle ein coming out-Narrativ, das meist eng mit Herkunftsfamilie und Erzählungen über Mütter (und auch Väter) verbunden ist. Das Aufwachsen in einer queerfeindlichen Gesellschaft, und in ihrer kleinsten Einheit der Familie, ist fester Bestandteil der queeren Identität und damit auch der Literatur.

Die Mutter und das Patriarchat

Die literarische Auseinandersetzung mit »der Mutter« ist ein sehr patriarchal geprägtes Thema. Das trifft auch auf queere Narrative zu, denn queere Literatur ist – nicht nur im historischen Kontext betrachtet – meist männlich geprägt, zwar schwul männlich, aber dennoch männlich. Auch heute haben cis Männer noch den meisten Raum, die meiste Öffentlichkeit, die meisten Publikationen im Literaturbetrieb und damit auch im Hinblick auf queerer Literatur.

Die Rolle und die Bilder von »der Mutter « sind eng mit Männlichkeit, Patriarchat und dem male gaze (dem männlichen Blick auf Frauen und Weiblichkeit) verbunden. Das umfasst auch viele schwul cis männliche Perspektiven. Hier wird die Verstrickung von Männlichkeit und Patriarchat oftmals noch zu wenig reflektiert werden.

Eine Hand hält einen Bücherstapel mit drei Büchern vor einer Wand mit Postkarten. Vor dem Bücherstapel ist eine Postkarte mit einem Marien-Motiv von Roswitha Hecke.

Das führt dazu, dass die Mutter sich wieder in einer Dichotomie, in zwei gegensätzlichen Rollenbildern, befindet. Auf der einen Seite wird sie glorifiziert, fast schon emotional vergöttert. Sie dient hier oft als ein archetypisches Vorbild von Weiblichkeit, zu dem eine besondere emotionale Nähe gesucht wird, auch ein Schutz vor homofeindlichen Tendenzen der Außenwelt. Wenn Schutz und Nähe nicht gegeben sind, wird die Mutter dafür verantwortlich gemacht und gilt als Ursache für Verlustängste und das Unvermögen, Beziehungen einzugehen oder aufrecht zu erhalten.

Damit ist die sie wieder nur gut oder böse, Heilige oder Hure, liebevoll oder abwesend – und in ihrer Darstellung in patriarchalen Strukturen festgeschrieben.

Feministische und queere Gegenentwürfe

Gegenentwürfe von Mutterschaft kommen meist aus feministischen Perspektiven und durch Narrative von FLINTA* Autor*innen. Politisch, gesellschaftlich und historisch gesehen sind lesbische Kämpfe stark mit feministischen Bewegungen verbunden. Das wirkt sich auch auf die Narrative und Betrachtungen über »die Mutter« aus.

In feministischen Diskursen wird die Mutter in ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft beschrieben. Was hat dazu geführt, dass die Frau zur Frau und die Mutter zur Mutter geworden ist? Mit welchen Anforderungen und Diskriminierungen muss und musste sie umgehen? Welche Möglichkeiten hatte sie in ihrem Leben und welche sind ihr verwehrt worden. Oder verkürzt: wie wirken sich die Erfahrungen als Frau in der Gesellschaft auf das Mutter-sein aus?

Auch das eigene potentielle Mutterschaft spielt in vielen queer-feministischen und FLINTA* Perspektiven eine Rolle. Die Frage, was von Müttern für die eigene Mutter-Rolle gelernt werden kann und was auch bewusst anders gestaltet wird, eröffnet einen neuen Möglichkeitsraum. Mutterschaft kann als ein zukünftiges Potential verstanden werden, um »die Mutter« außerhalb patriarchaler Anforderungen zu denken und zu entwicklen.

Diese Genealogie von Mutterschaft wird in der letzten Zeit vor allem auch mit einer historischen Perspektive beschrieben. Es geht um die Fortschreibung der Erfahrungen über verschiedene Generationen hinweg: Wie Mütter, Großmütter, Ur-Großmütter ihre Erlebnisse mit dem Patriarchat, ihre Gewalterfahrungen und ihr Nicht_Wissen aneinander weiter geben.

Mütter und die Kraft der queeren Wahlfamilie

Besonders trans* und nicht-binäre Perspektiven auf Mütter sind sehr vielfältig. Eine Position außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit bietet von sich aus schon die Möglichkeit, stärker über Geschlechterrollen und damit auch über Mütter und Weiblichkeit zu reflektieren. Das Loslösen von gesellschaftlichen Normvorstellungen ist gerade in diesem queeren Kontext von Bedeutung.

Vor allem in Erzählungen von trans* Biographien – aber auch in anderen queeren Narrativen – finden sich oft ältere trans* Frauen, die eine Mutterrolle außerhalb der Herkunftsfamilie einnehmen. Wahlfamilien brechen Familiensterotype bewusst auf und definieren »die Mutter« mit ihren Rollen neu. Die Kraft und die Unterstützung der Community als selbstgewählte Familie ist eine reale Erfahrung vieler queerer Menschen, die sich auch literarisch immer mehr fortschreibt und neue, selbstbestimmte Bilder von Müttern entwirft.

Je mehr nicht weiße, nicht männliche Perspektiven im Literaturbetrieb einen Raum finden, um so mehr werden auch bestehende Narrative über Mütter und Mutterschaft aufgebrochen. Dabei geht es nicht nur um die Sichtbarkeit und Öffentlichkeit von BIPoC, trans*, inter, nicht-binären Autor*innen, sondern auch den damit verbundenen Erfahrungen, Schreib- und Erzählweisen. Es geht darum, dass wir nicht nur als queere Community, sondern als ganze Gesellschaft unsere Narrative vervielfältigen, um Stereotype aufzubrechen und vielfältige Lebensweisen abbilden. Das betrifft vor allem auch die Darstellungen von Müttern.

Mutter-Typen und literarische Empfehlungen

Hier stelle ich vier Typen von »Müttern« vor und in welchen aktuellen queeren Erzählungen sie zu finden sind.

»Die Mutter als Frau ihrer Zeit«

Auto-fiktionale und Soziologische Betrachtungen der Mutter

Bei diesem Typus wird die meist eigene Mutter mit ihrer ganzen Sozialisation betrachtet. Mit einer Mischung aus Auto-Fiktion und soziologischer Perspektive wird die Mutter als Frau einer Gesellschaft, einer Zeit, bestimmter Lebensumstände beschrieben. Damit soll nachvollzogen werden, was alles dazu beigetragen hat, dass sie zu der Frau geworden ist, die sie ist oder war. In dieser Perspektive vermischen sich biographische Erzählung und Gesellschaftskritik.

Vor allem in der französischen Literatur ist dieses literarische Schreiben durch die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux sehr populär geworden. Auch queere Autoren nutzen diese Form der Erzählung immer mehr für Betrachtungen über Mütte – allem voran Èdouard Louis.

Zum Einlesen in diesen Typus empfehle ich Annie Ernaux »Eine Frau« und Èdouard Louis »Die Freiheit einer Frau«.

»Blamed Mother«

(Problematisierte) Abwesenheit der Mutter

Hier wird die Mutter als verantwortlich für die Probleme der queeren Figur in Kindheit, Jungend und späterem Leben beschrieben. Sie ist dabei eine Frau mit eigenen Schwierigkeiten und Herausforderungen, die ihr Lebenbestimmen. Ihre Darstellung ist durchaus differenziert und vielschichtig. Doch oftmals überwiegen die Probleme im Leben und lassen die Frauen an ihrer Rolle als Mutter scheitern.

Doch dadurch ist die Beziehung der Figuren zur Mutter gestört. Sie kümmert sich, liebt oder beschützt das queere Kind zu wenig oder gar nicht. Das führt bei den Kindern meist zu Verlust- und Bindungsängsten wofür die abwesende Mutter verantwortlich gemacht wird.

Besonders deutlich wird das in den Romanen von Douglas Stuart, in denen die Mutter mit Alkoholabhängigkeit, Arbeitslosigkeit und vor allem iherer eigenen Rolle zu den Kindern hadert.

»Alle Mütter der Familie«

Intergenerative Betrachtung der (Groß-)Mütter

Erfahrungen mit patriarchaler Gewalt und Traumata schreiben sich in den Körper ein und werden über Generationen hinweg in einer Familie weitergetragen. Der Typus beschreibt diese intergenerative Traumana. Deshalb steht hier nicht nur die Mutter, sondern auch alle Mütter vor ihr im Fokus. Es wird eine ganze Genealogie von Mutterschaft entwickelt.

Hier geht es darum, wie Gesellschaft und Geschichte sich in Form der Großmutter und Mutter auf queeres Leben auswirkt. Die Anknüpfungspunkte für queere Narrative sind offensichtlich, denn auch die Erfahrung des queer-Seins in einer Queerfeindlichen Welt schreibt sich als Trauma in den queeren Körper ein.

Aktuelle Beipiele dafür sind »Aus dem schlafenden Vulkan ausbrechen« von Jchj V. Dussel oder »Ministerium der Träume« von Hengameh Yagoobifarah

»Call Me Mother«

Mutterfiguren in queeren Wahlfamilien

Für viele Queers sind Community und Wahlfamilien wichtige Bezugspunkte, wenn Herkunftsfamilien zu gewaltvoll sind. Ältere oder erfahrenere Queers unterstützen, beschützen, behüten jüngere – retten Wort wörtlich queeres Leben. Meist übernehmen trans* Frauen die Mutterolle innerhalb eigener Wahlfamilien. Oder Beziehungen zu Freund*innen werden zu festen familien-ähnlichen Verbindungen.

Nach einer möglichen Ablehung durch die Herkunftsfamilie eine neue Zugehörigkeit und Anerkennung in queeren Communities zu finden, ist für viele schwule, lesbische, trans*, inter* und nicht-binäre Menschen eine essentielle Erfahrung, die mit dem eigenen queer-Sein verbunden ist. Die Wertschätzung und Liebe durch die selbstgewählt Familie findet sich selbstverständlich in queerer Literatur wieder.

Sehr aktuelles Beispiel ist »Die schlechte Gewohnheit« von Alana S. Portero oder »Auf einem Sonnenstrahl« von Tillie Walden als eine Liebeserklärung an die eigene Wahlfamilie.

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