Eine Hand hält das Buchcover »Franz. Schwul unterm Hakenkreuz« von Jürgen Pettinger vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Der Fall des Franz Doms. Jürgen Pettingers Versuch einer lebendigen Erinnerungskultur.
Roman

Jürgen Pettinger: Der Fall des Franz Doms

CN: Queerfeindlichkeit, Nationalsozialismus, Inhaftierung, Hinrichtung

Ein Versuch der lebendigen Erinnerungskultur

Wenn über die Verbrechen der NS-Zeit gesprochen wird, dann meist sehr abstrakt oder in schockierenden Bildern, die spätestens in der Schule plattgetreten werden. In der Mischung von Belehrung, Abschreckung und Faktenvermittlung wird vor allem eins vergessen: Dass hinter jeder Zahl Einzelschicksale stecken. Hinter jedem Verbrechen verbirgt sich ein realer Mensch. Ein Schicksal, dass es zu erfahren und zu würdigen gilt. Denn nur so kann eine lebendige Erinnerungskultur geschaffen werden, die respektvoll mit den Opfern des Nazi-Regimes umgeht.

Den Versuch einer solchen Erinnerungsaufarbeitung macht Jürgen Pettinger mit »Franz. Schwul unterm Hakenkreuz«. In seinem Buch zeichnet Pettinger ausgehend von Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten das Leben von Franz Dom nach, der 1944 im Alter von gerade mal 21 Jahren von dem NS-Regime in Wien hingerichtet wurde. Der Vorwurf gegen ihn: unsittenhaftes und unzüchtiges Verhalten, Diebstahl, Erpressung, Arbeitsverweigerung. Die Akten geben einen fast ausführlichen Überblick, denn die Arbeitsweise der Nazis war sehr akribisch. Doch wer steckt hinter diesem Namen und hinter den Anschuldigungen?

Wer war Franz Doms?

Jürgen Pettinger (*1976), seinerseits Journalist und Moderator, setzte sich bereits für das preisgekrönte Radio-Feature »Mit einem Warmen kein Pardon. Der Fall Franz Doms« ausführlich mit der Aktenlage auseinander. Doch für seinen Roman wählte er einen fiktionalisierteren Zugang, um das Leben des Franz Doms greifbar zu machen und die Geschichte eines jungen schwulen Mannes in Wien zur Nazi-Zeit auferstehen zu lassen. Es geht darum, dem Aktennamen eine eigene Erzählung zu geben. Eine, die sich von der Täterperspektive entfernt und den Menschen Franz Doms zeigt.

Eine Hand hält das Buchcover von Jürgen Pettinger »Franz. Schwul unterm Hakenkreuz« vor einer Steiwand. Daneben steht ein Zitat aus dem Buch: »Er ist ein vollständig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher, bei dem von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder abschreckender Erfolg mehr zu erwarten ist.« (Der Oberstaatsanwalt als Leiter der Anklagebehörde beim Landesgericht Wien als Sondergericht, 16.10.1943)
Buchcover und Jürgen Pettinger »Franz« mit Zitat aus dem Buch

Dafür begleitet der Roman den 14-jährigen Franz in der Straßenbahn beim ersten Erkunden seiner Anziehung zu (älteren) Männern und seinen ersten sexuellen Erfahrungen. Aus flüchtigen Begegnungen wird für ihn ein Geschäft, als er merkt, dass die Männer ihm Geld geben. Dass er immer länger wegbleibt und angetrunken nach Hause kommt, gefällt seiner Schwester gar nicht und sie stellt Franz immer öfter zu Rede. Die Nachbarin verfolgt die Streitereien und zeigt Franz bei der Polizei an. Der wird gleich festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt – und wer hier nicht gesteht und schuldig gesprochen werden will, der muss andere denunzieren und so der Polizei helfen.

Von da wird Franz immer wieder von der Polizei aufgegriffen, muss mehrere Haftstrafen absitzen und wird verschiedener sittenwidriger Straftaten und natürlich unzüchtigen Verhaltens bezichtigt. Was schnell klar wird: Die Nazis haben ein dichtes Netz aus Missgunst, geheimen Spitzeln und Angst geschaffen, in der sich schwule Männer, die eh ihr Begehren im Verborgenen ausleben müssen, untereinander zur Gefahr werden. In einem Rechtssystem, dass auf Unterdrückung, Entlarvung und Aussonderung ausgelegt ist, kann einer, der einmal beschuldigt wurde, nur schwer wieder einen Platz in der Gesellschaft finden.

Dokumentation trifft unglücklich auf Fiktion

Jürgen Pettinger zeigt mit »Franz. Schwul unterm Hakenkreuz« den Strudel des Unrechtssystems, das alle verfolgt und vernichten will, die nicht dem gewünschten Bild der Nazis entsprechen. Die Gefahr, denen Homosexuelle zu dieser Zeit ausgesetzt sind, wird durch die Geschichte von Franz Doms besonders deutlich. Sie kann als fast schon exemplarisch für all jene viele Einzelschicksale dienen, die oftmals vergessen werden. Denn gerade Verbrechen an queeren Menschen unter den Nationalsozialisten ist ein Feld, dass wenig im öffentlichen Bewusstsein ist.

Ausgehend von den Akten um den Fall Franz Doms schafft Jürgen Pettinger eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion, welche die andere Perspektive hinter der harten und kalten Sprache der Vernehmungsprotokolle zeigen will. In verschiedenen Episoden werden Schlaglichter in Franz Leben gegeben, die von Ausschnitten aus den Originaldokumenten ergänzt oder kontrastiert werden. An mehreren Stellen verweisen Fußnoten immer wieder auf die tatsächlichen Hintergründe zu dieser Geschichte und zeigen immer wieder die reale Grausamkeit hinter der Fiktion.

Doch leider geht Jürgen Pettingers dokumentarischer Romanversuch nicht darüber hinaus. Franz bleibt trotz der fiktionalen Ausschmückungen um die Aktenlage herum nicht greifbar. An zu wenigen Stellen geht die Erzählung wirklich der Gefühlswelt des jungen Mannes nach und versucht einer Innerlichkeit nachzuspüren. Über weite Teile hinweg wirkt es mehr wie eine Nacherzählung als wirklich ein Roman mit vielschichtigen Figuren, die um ihr Lieben und Überleben in einem Unterdrückungsregime kämpfen.

Auch die Ortsbeschreibungen mangeln an einer Szenerie und Tiefgründigkeit, die ein Leben in Wien um 1940 wirklich greifbar machen würde. Dafür wäre auch eine konsequentere Einbeziehung der Quellenverweise möglich gewesen, statt nur auf andere Literatur zu verweisen. Kurze Anmerkungen hätten nötige oder interessante Hintergrundinformationen über die faktische Situation auf einen fast wissenschaftlichen Weg liefern können. Dadurch wäre ein spannendes Spiel von Fiktion und Fakten entstehen, dass von verschiedenen Standpunkten und Methoden heraus eine komplexe Situationsbeschreibung und historische Einordnung ermöglicht hätte.

Spannende Fragen, die der Roman nicht bespricht

Das episodenhafte Erzählen hangelt sich von Einblicken zu Geschehnissen, die eher wie eine Nacherzählung der Dokumentzitate wirken. An vielen Stellen wird dort abgebrochen, wo das Potential spannender Erzählstränge liegt, um die emotionalen Lücken zu schließen. Viele große Themen und Fragestellungen werden angerissen, aber nicht aufgegriffen. Und leider auch nicht mit einer etwaigen emotionalen Welt von Franz verknüpft.

Wie war die Situation von Sexarbeiter*innen in Wien unter den Nazis? Und wenn ja, wie erging es schwulen Sexarbeitern? Franz scheint zunächst nicht wie eine Person, die darauf angewiesen ist, mit Sex Geld zu verdienen – und doch geht er immer wieder mit Männern mit, die ihn für Sex bezahlen. Findet er so eine Möglichkeit sein eigenes Begehren zu erkunden in einer Gesellschaft, die dieses in den Untergrund drängt? Macht ihm Sexarbeit schlicht Spaß oder wird sie dafür genutzt, vor sich selbst homosexuelles Begehren zu rechtfertigen?

Was bedeutet es für eine queere Community, wenn die Polizei durch Gewalt und Angst die einzelnen Mitglieder gegeneinander aufbringt? Wie kann ich ins Illegale gedrängt meine Liebe und Sexualität erleben, wenn ich ständig Angst haben muss, von meinem Sexualpartner verraten zu werden? Wenn jeder Kontakt eine potentielle Bedrohung ist? Und vor allem, wie verhalte ich mich selbst, wenn ich die Wahl habe zwischen Gewalt und Haft oder der Denunziation von anderen, die dann wiederum der selben Gewalt ausgesetzt sind?

Was erlebt ein schwuler Gefangener im Gefängnis? Was macht eine Einzelhaft aus einem jungen Menschen? Wie wirken sich die permanenten physischen und psychischen Gewalterfahrungen auf das Leben, die mentale Gesundheit aus?

Das sind alles Fragen, die nur in Ansätzen oder gar nicht von Jürgen Pettinger behandelt werden, aber als Möglichkeiten offen daliegen. Und das wären die Narrative, die Franz Doms zu einer mehrdimensionalen Figur gemacht hätten.

Der einzige emotional und fiktional vielschichtige Erzählstrang, den das Buch bietet, ist die Begegnung des Geistlichen Eduard Köck mit dem Vater und der Schwester Franz Doms weit nach dessen Hinrichtung. Hier schafft Pettinger auf ganz wenigen Seiten eine tiefe Charakterskizze und eine bildliche Situationsbeschreibung, die sowohl Fiktion als auch Dokumentation miteinander verbinden und den Monsignore und das Aufeinandertreffen plastischer erleben lassen als alles, was wir bisher aus dem Leben von Franz erfahren haben. Davon hätte ich gern mehr gehabt!

Fazit

»Franz. Schwul unterm Hakenkreuz« von Jürgen Pettinger ist ein wichtiger Beitrag für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, gerade für die queere Community. Und damit auch ein wichtiger Beitrag dafür, dass Einzelschicksalen mehr Raum gegeben wird.

Aber leider geht dieser Versuch nicht tief genug, um eine wirkliche lebendige Erinnerungskultur zu fördern, um das Leben von Franz Doms auch für Menschen greifbar zu machen, die sich 70 Jahre später mit ihm auseinander setzten.

Vor der Lektüre

Triggerwarnungen: Queerfeindlichkeit, Nationalsozialismus, Hinrichtung, Gefängnisaufenthalt

Das Buch »Franz. Schwul unterm Hakenkreuz« von Jürgen Pettinger ist bei Kremayr & Scheriau erschienen.


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