Chris vor einer Steinwand schaut mit dem Gesicht über die Schulter. Davor steht die Überschrift: Schrache, die schmerzt. Eine wütende Streitschrift an ein Du.
Gedanken und Diskurs

Sprache, die schmerzt

Deine Überforderung und Ignoranz sind meine Verletzungen

Die Diskussionen um Gender-Sprache und Pronomen will ich nicht mehr führen. Ewige Debatten um N*, I*, Z*, M* Worte hängen mir zum Hals raus. Und wenn ich noch einmal »Sprachpolizei« höre, lass ich meinem Brechreiz freien Lauf. Zensur my ass!

Ich weiß, dass Ich-Botschaften produktiver sind für die zwischenmenschliche Kommunikation. Doch ich will nicht jedes Mal von MEINEN Diskriminierungserfahrungen sprechen, von MEINEN Verletzungen, von MEINER Unsichtbarkeit, von MEINER Ausgrenzung. Denn all das betrifft nicht nur mich, sondern auch dich.

Eine wütende und verletzte Streitschrift an ein DU


Du bist eine konkrete Person.

Du bist eine Haltung, eine Einstellung, eine Stimmung.

Du bist ein System, eine Struktur.

Du bist Argumente, die ich immer wieder höre.

Du nimmst dir ungefragt Raum.

Du denkst, dass alle deine Meinung hören müssen.

Du sprichst ungefragt und unreflektiert.

Du verletzt.

Du willst nicht verletzten und tust es trotzdem.

Du weißt nicht warum.

Du willst es erklärt bekommen, um dann trotzdem drauf zu pfeifen.

Du forderst dir Erklärungen ein.

Du willst dich nicht selber informieren, kümmern.

Doch du willst verstehen.

Du hast das Recht.
.

Und an dir muss ich mich mein Leben lang abarbeiten. So auch jetzt. So auch in Zukunft.

Ich habe dir schon oft genug erklärt, dass Sprache Wirklichkeiten schafft. Dass mit Sprache Dinge in der Welt um uns herum und in uns benannt werden. Und damit real, greifbar, verstehbar werden.

Ich habe dir mehrfach verdeutlicht, dass Menschen soziale Wesen sind, zusammen leben (müssen), um zu überleben und deshalb kommunizieren. Ganz einfaches Sender*in-Empfänger*in-Prinzip. Und ich habe dir auch schon mehrfach erklärt, dass du für das verantwortlich bist, was du sendest – also wie du sprichst.

Dass deine Worte Folgen haben. Dass eine dieser Folgen sein kann, dass sie mich verletzten. Dass du nicht losgelöst von deinen Worten bist. Dass sowohl deine Worte mich verletzten, als auch du selbst mir damit weh tust. Und dass es egal ist, ob es dir bewusst ist oder nicht. Denn die Verletzung ist bei mir passt. Ich habe den Schmerz und muss damit umgehen. Egal, ob du es so gewollt hast oder nicht – um so schlimmer wenn doch.

Und dennoch höre ich immer wieder von dir die Sprüche

»Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich zu sprechen habe«

oder »Ich darf ja gar nichts mehr sagen«

oder »Mir wird der Mund verboten«.

Wenn du von »Sprachpolizei« oder »Zensur« redest, fällt dir vielleicht hoffentlich auf, dass du Worte von Menschen übernimmst, die bewusst und gezielt andere Menschen ausschließen und abwerten.

Oh, ich dachte, dass wolltest du ja nicht?

Allein, dass wir immer wieder darüber reden müssen, dass du dich in deiner Freiheit zu sprechen eingeschränkt fühlst, zeigt doch, dass du alles sagen darfst. Wir diskutieren doch schließlich drüber. Und wir reden schon wieder darüber, wie du dich fühlst. Der Fokus ist wieder bei dir, weil du dich ungerecht behandelt fühlst.

Es ist dein Privileg von Zensur zu sprechen und trotzdem weiterhin zu verletzten.

Auch wenn du das Gefühl hast, du kannst dieses oder jenes Wort nicht mehr sagen, passiert dir trotzdem nichts, wenn du es im nächsten Satz, am nächsten Tag oder in der nächsten Woche wieder verwendest. Dir passiert nichts, wenn du es in einem Buch liest. Oder wenn in einem Gespräch andere es verwenden. Es fällt dir vielleicht nicht mal auf.

Weil du nicht verletzt wirst. Weil dich dieses Wort nicht beleidigt. Weil du damit nicht gemeint bist. Weil du nicht abgewertet wirst. Weil deine Existenz dadurch nicht in Frage gestellt wird. Weil du dadurch keine Gewalt erfährst. Weil du nicht an Gewalt erinnert wirst.

Du bist frei, dass Wort zu benutzen wie du willst, weil es dich nicht in deinem Alltag einschränkt. Und auch keine Macht über dein Leben hat. Dich nicht einnimmt. Dich nicht aufrisst. Dich nicht auskotzt.

Es ist dein Privileg, mit meiner Verletzung nicht umgehen zu müssen.

Wenn ich dir zurückmelde, dass ich mich verletzt fühle von deinen Worten, bist du überfordert. Es wird dir zu viel. Weil das für dich neu ist. Du nicht damit umgehen kannst, etwas falsch gemacht zu haben. Meine Emotionen eine zu große Verantwortung für dich sind.

Doch ich muss mich mit diesen Emotionen jetzt die ganze Zeit auseinander setzten. Weil du mich getroffen hast. Mit deinen Worten. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Auch wenn ich das in dem meisten Fällen gerne wollen würde. Weil auch ich keine Lust darauf habe, mich mit meinem Schmerz auseinander zu setzten. Schon wieder. Immer wieder aufs neue. Wie schon mein ganzes Leben lang. Weil du nicht das erste Du bist, dass mich trifft. Und auch nicht das letzte sein wirst.

Weil ich keine Wahl habe, deinen Worten aus dem Weg zu gehen.

Doch du die Wahl hast, sie zu verwenden.

Es ist dein Privileg, dich nicht mit mir auseinander setzten zu müssen

Du kannst nach deinen Worten aufstehen und gehen. Oder wegsehen. Oder einfach noch mal neu anfangen. Und mich zurücklassen, mit all meinen aufgerissenen Wunden, alten und neuen Schmerzen, den Gefühlen von Wut und Ohnmacht.

Du tust zu oft so, als ob dich das gar nichts angehen würde. Ich übertreiben würde. Oder dich einfach falsch verstehen würde. Und schon sind wir wieder bei dir. Weil dein Schrei nach Freiheit immer mehr Nachhall findet als meine Forderung nach Anerkennung.

Du kannst dir aussuchen, ob du dich mit mir beschäftigen willst. Ob es etwas für dich bringt, mehr über mich zu wissen. Es dir weiterhilft, mich zu verstehen. Weil du ja noch etwas aus mir lernen könntest. Aber vielleicht nicht jetzt. Vielleicht ist es dir jetzt gerade zu anstrengend. Vielleicht irgendwann später.

Doch ich kann mir nicht aussuchen, wann ich mich mit dir beschäftige. Ich setzte mich von früh bis spät mit dir auseinander. Mein ganzes Leben lang. Für mich gibt es kein jetzt oder kein später, weil mich jedes später irgendwann im jetzt wieder einholt. Weil dank dir morgen wieder die gleiche scheiße passieren kann. Oder auch erst nächste Woche oder nächstes Jahr. Oder eben schon jetzt wieder.

Mich zu hören, ist ein Geschenk für dich

Weil du viel zu oft die Macht hast, ohne es zu wissen. Die Macht, mich und meine Existenz anzuerkennen. Die Macht, mich zu erforschen. Über mich zu bestimmen. Mein Bild von mir selbst zu beeinflussen. Mich an mir selbst zweifeln zu lassen und alle Bemühungen wieder ins Wanken zu bringen.

Doch du kannst mir zuhören. Du kannst meine Verletzungen anerkennen. Und anerkennen, dass du da für eine Verantwortung trägst. Das heißt nicht, dass du ein schlechter Mensch bist, sondern, dass du auch die Möglichkeit hast, etwas zu ändern. Du kannst versuchen, meine Situation zu verstehen. Und zu verstehen, warum ich in dieser Lage bin. Was das mit dir zu tun hat.

Das ist mein Geschenk an dich – und deine Verantwortung als Mensch in dieser Welt.

Meine Erwartungen an dich

… sind nicht zu hoch gegriffen. Sie sind keine Regeln und Pflichten, denn wir haben schon geklärt, dass ich dir nichts vorschreiben kann.

… sind nicht abstrakt. Sondern sie sind ganz konkret.

… sind nichts unmenschliches. Sie sind das genaue Gegenteil. Denn ich erwarte, dass auch du mich als Menschen anerkennst.

… sind keine Einschränkungen deiner Freiheit. Sondern die Forderung, mir ein bisschen mehr zu gönnen. Damit ich es vielleicht auch einmal so gut haben kann wie du.

… sind keine Absage oder Ablehnung. Vielmehr sind sie ein auf dich zu gehen. Eine Einladung an dich, mich und meine Welt besser zu verstehen. Und damit auch dich selbst besser zu verstehen. Denn wir sind aufeinander angewiesen, wie du dich erinnerst.

… sind ein Wunsch an uns. Für dich und mich. Für ein gemeinsames Morgen, indem es keine Verletzungen gibt.


Chris schau vor einer Steinwand schräg nach oben. In Blickrichtung ist ein weißer Kreis mit der Innschrift: »Homonormativität vs. queerer Aktivismus«

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