Eine Hand hält das Cover von »Queer. Eine illustrierte Geschichte« vor einer Steinwand. In der linken oberen Ecke sind Kreise in den Farben der Regenbogen-Flagge.
Sachbuch,  Comic

Wer oder was ist queer?

Eine Annäherung an einen Begriff

Einige wissen sofort was gemeint ist. Andere haben den Begriff noch nie gehört. Ein paar fühlen sich damit zugehörig. Andere benutzen in zu leichtfertig. Und die wenigsten verstehen alles, was damit gemeint ist. Es geht um das Zauberwort queer.

Queer ist ein Begriff, der uns überall begegnet – von social media über Politik bis hin zu akademischen Diskursen. Queer ist individuell und allgemein zugleich; und gerade deshalb auch sehr problematisch. Also höchste Zeit, dass dieser Begriff in all seinen Bedeutungen und Ebenen aufgezeigt und erklärt wird. Und das macht »Queer. Eine illustrierte Geschichte« von Meg-John Barker und Julia Scheele ganz wunderbar.

Bilder die erklären

Was ist eine »illustrierte Geschichte«? In diesem Fall eine Art Erklär-Comic. Es werden also komplizierte Sachverhalte mit Hilfe von Elementen aus klassischen Comic-Formaten so aufbereitet, dass sie leichter verständlich sind. Das große Potential von illustrierten Sachtexten ist, dass durch die gleichzeitige Bild- und Textsprache verschiedene Ebenen für unsere Vorstellung und unser Verständnis verdeutlicht werden. Außerdem werden durch Wörter und Bilder Bedeutungen von Zusammenhängen auf doppelte Weise dargestellt. Und damit die perfekte Möglichkeit, abstrakte Dinge anzusprechen, schwere Themen aufzubereiten und leicht verständlich für die Leser*innen zu machen.

Buch und Zitat »Queer. Eine illustrierte Geschichte«

Also was ist nun queer?

Der Erklär-Comic fängt vorne an – bei den verschiedenen Bedeutungen des Begriffes queer. Ursprünglich ein Schimpfwort aus dem Englischen, das so viel wie »pervers« oder »abartig« bedeutete, wurde es sich im Zuge des 1980er Aktivismus positiv als Selbstbezeichnung von LGBT-Bewegungen zurückerobert. Dadurch wurde queer in den letzten Jahrzehnten zu einem umbrella term (Überbegriff) für alle Menschen, die nicht cis-hetero sind. Doch gleichzeitig bleibt queer auch eine Selbstbezeichnung von denen, die sich queer nennen und damit auch unterschiedliche Dinge meinen – weil das Spektrum außerhalb der heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Norm riesig ist.

Damit ist queer immer auch ein politischer Begriff, weil er mit einem jahrzehntelangem Aktivismus verbunden ist. Und sich dadurch auch im wissenschaftlichen Diskurs wiederfindet: als queer studies. Darunter lassen sich Forschungen zu Sexualität, Geschlecht und Geschlechterrollen fassen, die multidisziplinär angelegt sich und sich mit Soziologie, Geschichte, Geographie oder Literatur beschäftigen. Zusätzlich leitet sich daraus der theoretische Ansatz der queer theory ab, die generell die Kategorien Geschlecht und Sexualität hinterfragen und aufbrechen will. Es ist also komplex.

Wer ist queer und wo finden wir sie?

Das ist aber erst der Anfang – sowohl von der Auseinandersetzung als auch vom Comic. Denn jetzt geht es richtig los. Meg-John Barker (Text) und Julia Scheele (Illustration) nehmen die Leser*innen mit auf eine komplexe Reise durch die Geschichte von queeren Theorien und Aktivismus. Hier werden Sexualforschung mit Poststrukturalismus und Feminismus zusammengebracht und Arbeiten von Foucault und Butler erklärt. Es wird gezeigt, was an einzelnen Ansätzen problematisch ist und wie sie weiter entwickelt wurden. Dabei geht es um queere Repräsentationen in Kunst und Medien, Intersektionalität, Community, TERFs und queere Utopien.

Konzepte wie queer reading oder queering – also eine Betrachtung von Texten, Filmen, Serien mit scheinbarer Vorgabe der heterosexuellen Norm, um darin queere Aspekte zu finden – werden aufgegriffen und mit Theorie und historischer Praxis verbunden. Außerdem wird dargestellt, welche Gruppen oder Strömungen sich wie im queeren Spektrum positionieren, wer sich mit wem verbündet und wer noch viel zu lernen hat – wiederkehrendes Stichwort weiße cis-dudes (mehr dazu auch in meiner Rezension zu »Queer und (Anti-)Kapitalismus«).

Dabei ist der Erklär-Comic in all der Komplexität immer übersichtlich und auf den Punkt gebracht. Es gibt mehr kurze und prägnante Erklärungen als lange Ausschweifungen, so dass alle hinter selber entscheiden können, wo sie nach der Lektüre noch tiefer einsteigen oder weiterlesen wollen.

Fazit

UNBEDINGT LESEN – und zwar für ALLE, die sich schon immer gefragt haben, was queer ist oder ob sie selber queer sind. Und damit meine ich auch die, die bisher immer dachten, sie wüssten schon alles, vor allem besser. Denn auch diese Menschen können hier noch einiges dazu lernen. Und außerdem: Erklär-Comics sind einfach das beste! Vor allem, um schwierige Dinge leicht zu erklären.

Vor der Lektüre

Der Erklär-Comic »Queer. Eine illustrierte Geschichte« von Meg-John Barker und Julia Scheele ist ganz hervorragend ins Deutsche von Jen Theodor übersetzt und kann im Unrast-Verlag erworben werden.

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