Eine Hand hält den Comic »Parallel« von Matthias Lehmann vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: »Matthias Lehmann: Parallel zwischen den Welten. Ein Comic über schwule Un_möglichkeiten«
Comic

Matthias Lehmann: Parallel zwischen den Welten

Ein Comic über schwule Un_möglichkeiten im geteilten Deutschland

Wo gehöre ich hin? Das fragen sich alle Menschen im Laufe ihres Lebens. Doch für einige ist die Suche nach Zugehörigkeit präsenter als für andere, weil sie nicht in die Kategorien passen, die ihnen die Gesellschaft vorgibt. Je limitierter diese Kategorien sind, desto schwieriger ist es, sich in sie zu zwängen oder sich selbst passend zu verbiegen.

Mit dem Comic »Parallel« erzählt uns Matthias Lehmann die Geschichte eines Mannes, dessen ganzes Leben von der Suche nach Zuneigung, Geborgenheit und einem Platz in der Gesellschaft erfüllt ist. Es geht um die Sehnsucht nach Familie und dem Erwachen und Erkennen der eigenen Homosexualität, aber auch um ein Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und einer Teilung in Ost und West. Einer Zeit, in der Homosexualität und Familie zwei Konzepte waren, die sich kategorisch ausschlossen. Unter anderem weil Homosexualität generell aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde.

Ein Mann, eine Familie, eine Generation

Karl Kling ist mit dem Beginn seiner Rente auf einmal komplett mit sich allein gelassen. Die Fülle an neuer Zeit lässt ihn seine Einsamkeit erst so richtig bewusst werden und er plagt sich mit all den Entscheidungen, die er in seinem Leben bereut. Allen voran den Kontaktabbruch zu seiner Tochter Hella, nach der er sich sehnt und der er noch so viel zu sagen hat. Er beschließt, ihr einen Brief nach West-Berlin zu schicken und ihr alles einmal zu erklären. Während Karl sich in der Gegenwart der 1980er Jahre in der BRD seiner Tochter offenbaren will, nimmt er uns in episodenhaften Erinnerungen mit in seine Vergangenheit.

Eine Hand hält das Buchcover von Matthias Lehmann »Parallel« vor einer Steinwand. Daneben ist ein Panel aus dem Comic abgebildet.
Buchcover von Matthias Lehmann »Parallel« mit Panel aus dem Comic

Matthias Lehmann zeigt uns die Lebensgeschichte eines Mannes, der zwischen Weltkrieg und einem geteilten Nachkriegsdeutschland versucht ein Familienleben aufzubauen, während er immer stärker seine Gefühle und sein Begehren für Männer entdeckt. Er sehnt sich immer stärker nach dem Rückhalt und der Liebe der Familie, je mehr er mit der gesellschaftlichen Abwertung und Verunmöglichung seines eigenen Begehrens konfrontiert wird. Offen schwules Leben ist für ihn keine Option, da es gesellschaftlich, moralisch und juristisch sanktioniert wird – bis 1994 stand Homosexualität in der BRD gesetzlich unter Strafe. Doch die Enge der heilen Welt der hetero Normfamilie auch nicht. Und bei jedem Versuch beides irgendwie zu vereinen, zerbrechen alle Menschen und Beziehungen um Karl herum.

Mit »Parallel« legt Matthias Lehmann ein umfangreiches und ambitioniertes Comic-Debüt vor. Der Leipziger Comic-Künstler erzählt eindringlich, wie gesellschaftliche Moral- und Normvorstellungen Leben zerstören und schafft einen Einblick in die Geschichte eines einzelnen Mannes, einer Familie, die stellvertretend für die Probleme und Hürden einer ganzen queeren Generation stehen.

Eine Figur wie Karl Kling gibt es viel zu selten in der Literatur. Diese queeren Geschichten werden noch immer viel zu wenig erzählt – gerade im deutschsprachigen Raum, gerade auch im deutsch-deutschen Kontext. Dabei noch viel seltener als Comic. Und damit allein ist »Parallel« schon ein wichtiges und lesenswertes Werk.

Männlichkeit und emotionale Isolation

Die Figuren sind grob und fast schon rau gezeichnet, ein stilistisches Mittel, das auf die harten Lebensumstände und gesellschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterklasse verweist. Die Gesichter versteinert und in weiten Teilen ausdruckslos – Verbildlichung von Männlichkeitsidealen zwischen Stärke und Emotionslosigkeit. Die Kantigen und raumgreifenden Körperformen lassen entfernt einen Bezug zu sozialistischer Kunst erkennen, ohne sich bewusst auf diese zu beziehen – vielleicht auch weil der der überwiegende Teil der Geschichte in Westdeutschland spielt.

Die Zeichnungen sind durchweg in schwarz-weiß gehalten, was den historischen Kontext der Handlung noch verstärkt. Und gleichzeitig auf eine Tristesse und Ausweglosigkeit der Hauptfigur verweist, die versucht, zwischen den wässrig-grauen Schattierungen einen Platz in der kriegszerstörten, geteilten und konservativ-biederen Gesellschaft zu finden.

So grobschlächtig wie der Comic gehalten ist, fehlen vor allem Gefühl und Sensibilität. Die Gesichter mit ihrer Mimik bleiben großteils nur angedeutet, wirken fast schon versteinert. Dadurch geht dem Comic auf der Bildebene einiges an Emotionalität verloren, die auch nicht ausreichend durch andere Handgriffe des Mediums wie Panelstrukturen, geleitete Perspektiven oder einem Spiel mit den Bedeutungsebenen von Bild, Text und Zeichen erwirkt wird.

Wenn die Sprache für Emotionen fehlt

Wenn die Verschlossenheit der Gesichter als ein Verweis auf die Verschlossenheit des Innenlebens der Figuren gedeutet wird, schafft es der Comic, das Verstecken von Sexualität, das gleichzeitig mit der Angst vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren einher geht, bildlich eindrucksvoll zu verdeutlichen. Aber auch das ist eine Form von Männlichkeitsdarstellung, die sich schnell erschöpft, weil sie zum einen den Comic nicht über die ganze Länge von 450 Seiten trägt und zum anderen, so tradiert ist, dass sie fast schon flach erscheint.

Gerade im Hinblick auf schwules Leben, das im Geheimen und Verborgenen gelebt werden muss, sind die feinen Blicke, Ausdrücke und angedeuteten Zärtlichkeiten um so wichtiger. Das müsste der Comic schaffen zu vermitteln, um eine Vorstellung von queerem Leben erahnen zu lassen. Oder Karl Kling aus dem schemenhaften Klischee von nach außen hartem Mann, der innerlich zerbricht, zu befreien.

Stattdessen wirken einige Szenen sehr für die Handlung konstruiert – es gibt Crusing auf Parktoiletten und dann natürlich die Polizeikontrolle, geheimer Sex am See, Szenen von gewaltvollen verbalen und körperlichen Übergriffen auf schwule Männer und ein folgender Suizid. Check für gefühlt jeden Punkt auf der Recherche-Liste für schwules/queeres Leben. Und doch bleibt eine Distanz. Eine Distanz von der Erzählung zur Figur, zur Geschichte und damit auch zu den Leser*innen.

Karl Kling distanziert sich von sich selbst, bleibt nicht greifbar, für sich, seine Familie und seine Freund*innen. Und genau daher rühren auch die Probleme in seinem Leben, die uns das Narrativ vermittelt. Doch gerade wenn die Geschichte als große Reflexion und Offenbarung angelegt ist, muss es mehr Sensibilität für die Figur und das Innenleben von Karl geben, die sich auch nach außen überträgt.

Die Erzählperspektive ist der entscheidende Punkt. Matthias Lehmann nutzt als Grundlage für deinen Comic »Parallel« die fiktionalisierte Familiengeschichte seiner Freundin, deren Großvater als Vorlage für Karl Kling diente, Er sprach mit einem schwulen Zeitzeugen und nutze Filmmaterial. Und doch reicht es scheinbar nicht, ein emotional komplexes Innenleben der Figur auch über erwartbare Narrationen hinaus darzustellen.

Karl Klingt bleibt unverständlich und gleichzeitig sehr vorhersehbar. Selbst wenn die Checkliste »schwules Leben« und die mittlerweile auserzählte Männlichkeitskonstruktion akzeptiert werden, bleibt eine Distanz zur Figur, weil der eigentliche Konflikt, die Suche nach sich selbst und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nur an äußeren Begebenheiten und Stationen verarbeitet wird. Fast schon so, als ob wir etwas beobachten und uns erklären, warum es passiert, aber nicht verstehen WIE es sich anfühlt.

Fazit

Matthias Lehmann legt uns mit »Parallel« ein ambitioniertes Comic-Debüt vor. Auf 450 Seiten wird eine Geschichte eines schwulen Mannes erzählt, der an der Gesellschaft und ihren Vorstellungen von Familie, Liebe und Männlichkeit scheitert und bis ins hohe Alter noch auf der Suche nach sich selbst ist. Ein wichtiger Comic, weil solche Geschichten in diesem Format noch zu selten sind. Und gleichzeitig hat sie mich weder auf der formalen noch auf der narrativen Ebene vollständig überzeugen können, weil Karl Kling für mich nur als Konstrukt in Erinnerung bleibt.

Vor der Lektüre

Triggerwarnungen: Queerfeindlichkeit, Suizid

Der Comic »Parallel« von Matthias Lehmann ist bei Reprodukt erschienen.

Für mehr Hintergrundinfos zur Entstehung des Comics und zu Matthias Lehmann selbst,
ist die Podcast-Folge von »Comicinvasion« mit Lehmann als Gast zu empfehlen.


Eine Hand hält das Buchcover von »Blau ist eine warme Farbe« vor einer Steinwand. Auf der linken Bildseite sind Kreise in den Farben der Lesbischen-Pride-Flagge zu sehen.

Lust auf mehr queere Comics? Dann klick doch hier: »Die Zärtlichkeit von Blau«

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