Eine Hand hält das Buchcover von Èdouard Louis »Freiheit einer Frau« vor einer Steinwand. Davor steht die Artikel Überschrift: Ein langer Weg in die Freiheit. Èdouard Louis darüber, wie die eigene Mutter eine Frau wurde.
Erzählung

Èdouard Louis: Ein langer Weg in eine Freiheit

Wie die eigene Mutter eine Frau wurde

Welche Freiheit kann eine Frau haben zwischen Kindern und Männern, Armut und Arbeitslosigkeit? Zwischen Träumen und Ohnmacht, Alkoholismus und Männlichkeit? Und welche Trennungen müssen vollzogen werden, um selbstbestimmt das eigene Leben leben zu können?

Èdouard Louis ist zwar erst seit wenigen Jahren literarisch aktiv, doch schon jetzt einer der bekanntesten und wichtigsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Mit seinem Debüt »Das Ende von Eddy« gelang im 2014 auf Anhieb der internationale Durchbruch. In seinem vierten Buch »Die Freiheit einer Frau«, das im November 2021 erschienen ist, widmet sich Èdouard Louis nun der Geschichte seiner Mutter und ihrem Weg zu mehr Freiheit und Glück.

Eine Hand hält das Buchcover von Èdouard Louis »Freiheit einer Frau« vor einer Steinwand. Daneben steht ein Zitat aus dem Buch: »Anfangs wollte ich deine Geschichte als die Geschichte einer Frau schreiben, aber mir wird klar, deine Geschichte ist die eines Wesens, das um das Recht kämpfte, eine Frau zu sein, gegen die Nichtexistenz, die dein Leben und das Zusammenleben mit meinem Vater dir aufzwang.« (S. 46)
Èdouard Louis »Freiheit einer Frau« mit Zitat

Zwischen Poesie und Gesellschaftskritik

In der Tradition von Annie Ernaux und Didier Eribon verbindet er in seinen Büchern die eigene Biographie mit Fiktion und sozialkritischer Gesellschaftsanalyse. Es geht um die eigenen Schmerzen, gesellschaftliche Determiniationen und darum, wie verschiedene Diskriminierungskategorien das Leben von Menschen beeinflussen, ohne dass diese es merken. Ausgangspunkt ist immer Nordfrankreich und die ländliche Arbeiter*innenklasse mit all ihren Ressentiments und Vorurteilen, aber auch der scheinbar Ausweglosigkeit, den eigenen sozio-ökonomischen Umständen zu begegnen.

»Das Ende von Eddy« ist die Erzählung seiner Kindheit und Jugend, die von gewaltvoller Queerfeindlichkeit, Armutserfahrungen und der Sehnsucht, der eigenen Herkunft zu entkommen. Die Eltern sind hier Feindbilder auf der Suche nach sich selbst und dem Erkennen und Akzeptieren der eigenen Homosexualität. Sie sind problematischer Teil seiner Kindheit und Jugend, die keine positive Selbstbestätigung gewähren können, sondern zu Selbsthass und Ablehung beitragen.

»Sie war sich ganz sicher, dass sie ein anderes Leben verdiente, dass es dieses Leben irgendwo gab, abstrakt gesehen, in einer virtuellen Welt, so gut wie in Reichweite, und dass ihr Leben in der wirklichen Welt eigentlich wegen eines Versehens so aussah wie es war.«


Èdouard Louis »Die Freiheit einer Frau«, S. 54

Èdouard Louis wendet sich von seiner Familie ab, besucht als erster ein Gymnasium und studiert in Paris. Er veröffentlicht Bücher und wird schnell zu einem der führenden Intellektuellen der französischen Gegenwart. Louis schafft eine Klassenreise, die bisher noch keinem anderem Familienmitglied gelang. Mit der nötigen Distanz und einem neuen Blick auf sich, seine Herkunft und gesellschaftliche Machtverhältnisse gelingt es ihm, noch einmal neu auf die Geschichte seiner Familie zu schauen.

Die Entfernung bewirkt einen Reflexionsprozess, der es schafft, die eigenen Eltern als Teil der eigenen Biographie zu sehen und sie gleichzeitig mit ihren Lebenswegen selbst in gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu verorten. In dem fiktionalen Brief »Wer hat meinen Vater umgebracht« wird aus dem verhassten Vater ein Mann, der gefangen ist von Vorstellungen toxischer Männlichkeit und klassistischer Bedingtheit. Es ist eine wertschätzende Annäherung an die Erfahrungen des Vaters, die ihn geprägt haben und zu den Handlungen brachten, unter denen Louis selbst leiden musste.

Alles über meine Mutter

Ebenso einfühlsam und zärtlich wendet er sich nun seiner Mutter zu. Mit viel Abstand und fast schon schmerzhafter Ehrlichkeit hinterfragt er die eigene Ablehnung und Feindseligkeit seiner Mutter gegenüber und versucht sie als Frau zu verstehen, die selbst gewaltvoll von ihrer Umwelt geprägt wird.

Èdouard Louis versteht und beschreibt die Verbitterung seiner Mutter als Resultat von Unzufriedenheit und Ohnmacht, die durch ein scheinbar auswegloses Aushalten von Armut, Gewalt und gesellschaftlicher Ablehnungserfahrungen entstehen. Er zeichnet das Bild einer Frau, die sich nicht von ihrem gewaltvollen und alkoholkranken Mann lösen kann, die gefangen ist in ihrer Mutterrolle und der Verantwortung und Sorge um ihre fünf Kinder. Eine Frau, die ohne Ausbildung und frühe Schwangerschaft kaum Chancen hat, sich finanziell selbst zu versorgen und dadurch immer in Abhängigkeitsverhältnisse gerät.

»In Schilderungen des Übergangs aus einer gesellschaftlichen Klasse in eine andere geht es meist um die Gewalt, die die Betreffenden dabei erlebt haben – wegen Unangepasstheit, Unkenntnis der Codes der Welt, in die sie eintraten. Ich erinnere mich vor allem an die Gewalt, die ich selbst ausübte. Ich wollte mein neues Leben als Rache für meine Kindheit verwenden, fall die vielen Male, da ihr beide, mein Vater und du, mir klargemacht hattet, dass ich nicht der Sohn war, den ihr euch gewünscht hattet.«


Èdouard Louis »Die Freiheit einer Frau«, S. 54

Louis zeigt aber auch das Bild einer Frau voller verborgener Hoffnungen, die sich selbst nur zugestehen muss, dass ihre Träume wertvoll sind, um den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen. Und die nach der Lösung von ihren eigenen Zwängen ganz neu erblüht und endlich zu dem Menschen, zu der Frau werden kann, die sie schon immer sein wollte.

Wie immer ist Èdouard Louis sprachlich auf dem Punkt, genau wie die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, der bisher alle Romane aus dem Französischen übertragen hat. Auch »Die Freiheit einer Frau« durchzieht eine unterschwelligen Poesie, die in jeder Zeile eine schonungslose Ehrlichkeit durchblicken lässt. Ehrlichkeit zu sich selbst, in dem er seine eigenen Fehler hinterfragt und zeigt, wie auch er seine Mutter verachtet und auf eine bestimmte Rolle reduziert hat. Das schmerzt zu lesen und ist doch das hohe Maß an Selbstreflexion, die Louis Bücher so menschlich, emotional und zugänglich machen. Er zeigt, dass das Leben der eigenen Eltern unmittelbar mit dem Leben der Kinder verknüpft ist, weil Traumata, Wünsche, Vorstellungen und Ablehungen intergenerativ weitergetragen werden.

Gleichzeitig kommt die gesellschaftliche Dimension und Kritik von Machtverhältnissen nicht zu kurz, denn Èdouard Louis Ansatz ist immer eine intersektionale Betrachtung von Biographien, um sich den Menschen der eigenen Familie und sich selbst zu nähern. Das sind own voice Geschichten aus marginalisierter Position, die durch sprachlich grandioses Können und gezielter Systemanalyse zu ganz großer Literatur werden.

Fazit

Auch »Die Freiheit einer Frau« ist eine absolute Leseempfehlung für alle! Eine notwendige Vervollständigung des bisherigen Gesamtwerkes für alle Fans und ein weiterer grandioser Anlass in die Bücher von Èdouard Louis einzusteigen für alle, die das aus welchen Gründen auch immer, bisher verpasst haben.

Vor der Lektüre

Triggerwarnungen: Queerfeindlichkeit, Alkoholkonsum, häusliche Gewal, Antisemitismus

Das neue Buch von Èdouard Louis »Die Freiheit einer Frau« ist im Fischer-Verlag erschienen.

Die unglaublich gute Übersetzung aus dem Französischen ist wie bei allen vorherigen Romanen von Louis von Hinrich Schmidt-Henkel.

*** Unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar ***


Beitragsbild »Familien, Fiktionen und soziale Ungleichheiten«

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