Beitragsbild Interview mit Sarah Lutzemann von Kohsie
Interview

Wo die diversen Bücher wohnen

Wer kennt sie nicht, die großen Namen der Literatur. Die Herren G. und S. aus Weimar, die deutschen Nobelpreisträger Herr B. und Herr G. oder der erst jüngst wieder viel gelobte Autor der Inszenierungen Herr K. aus der Schweiz. Ich brauch wohl nicht zu polemisch zu fragen, was auffällt, denn das der Literaturbetrieb ein klares Männerproblem hat, ist allseits bekannt. Oder genauer gesagt, kein Problem, sondern eine Überrepräsentation von weißen, hetero, cis-Männlichkeiten und ihren Perspektiven auf die Welt. Stichwort Diversität oder gerade die mangelnde Vielfalt.

Doch wie jetzt an diese viel gewünschten Bücher der diversen Autor:innen gelangen? Na ganz einfach, zum Beispiel in der Diversity Buchhandlung Kohsie in Halle (Saale).

Es ist so wichtig, dass diverse Figuren Geschichten erleben und damit Kindern zeigen, dass sie selbstverständlich am Leben teilhaben und selbst gestalten können.

Sarah Lutzemann, Gründerin der Diversity-Buchhandlung Kohsie

Die erste Diversity-Buchhandlung für Sachsen-Anhalt

Als ich erfahren habe, dass am 16. April 2021 die erste Diversity-Buchhandlung Sachsen-Anhalts eröffnet, bin ich natürlich vor Freude ausgerastet. Klar, ein Buchladen, der sich auf vielfältige Perspektiven und Autor:innen spezialisiert ist für mich aus Berliner-Zeiten kein Novum mehr, doch für Sachsen-Anhalt ein neuer, wichtiger Schritt. Natürlich habe ich auch gleich vorbei geschaut, erste Bücher geshoppt und mich sofort im Laden und bei den Menschen wohlgefühlt. Doch da mir das noch nicht gereicht hat, wollte ich gern wissen, was hinter dem Laden und dem Konzept steckt und durfte der Gründerin Sarah Lutzemann ein paar Fragen stellen.


Das Interview mit Sarah Lutzemann

Chris: Was ist deine Idee hinter der Buchhandlung Kohsie?

Gründerin Sarah Lutzemann

Sarah Lutzemann: Die Idee begleitet mich schon länger, weil die Bücher mich begleiten mich und die ganze Inspiration. Durch eine Instagram-Challenge, in der nur Bücher von Frauen gelesen wurden, habe ich mir tatsächlich mal mein eigenes Bücherregal angeschaut und festgestellt, dass da hauptsächlich nur männliche Autoren sind. Ich habe gar nicht so viele Autorinnen, die ich lese. Durch die Challenge habe ich viele Bücher kennengelernt, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Und ich habe eine Vielfalt von Autorinnen und erzählten Welten erlebt, die mich total begeistert hat. Das will ich auch anderen zur Verfügung stellen, weil ich gemerkt habe, dass es schwierig ist, an die Bücher zu kommen, durch zum Beispiel endlose Lieferzeiten. Ich möchte das einfacher machen, weil mir, je mehr ich mich damit beschäftigt habe, ein immer größeres Ungleichgewicht von Autoren und Autorinnen aufgefallen ist – und noch mehr bei Autor:innen, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen. Das möchte ich ändern. Ich will die Vielfalt zeigen.

Chris: Wie gehst du da mittlerweile ran bzw. wie triffst du auch eine Buchauswahl für deinen Laden? Schaust du dir Verlagsprogramme an oder hast du Kooperationen?

Sarah: Bisher habe ich noch keine Kooperationen und Verlagsprogramme schau ich mir jetzt nach und nach an. Aber ich orientiere mich hauptsächlich an anderen Leser:innen. Ich bin unglaublich viel auf Instagram und schaue, was die Menschen gerade so lesen, was sie bewegt und was besprochen wird.

Chris: Was ist oder war aktuell deine größte Herausforderung?

Sarah: Das meiste Kopfzerbrechen bereitet mir nicht die Bücherauswahl, sondern das ganze da hinter – die ganze Bürokratie, Gewerbeanmeldung und so weiter. Ich bin aber in der glücklichen Lage, dass mein Mann jahrelang Einzelhändler war und sich damit auskennt und mir dabei helfen konnte, die Buchhandlung aufzubauen.

Diversity-Buchhandlung Kohsie in Halle (Saale)

Chris: Eins ist mir gleich am Anfang aufgefallen – warum sind die Bücher nach Farben sortiert?

Sarah: Weil ich es schön finde [lacht]. Ja, ich wollte immer einen Ort zum wohlfühlen schaffen. Einen Ort, an dem ich nicht nur zum einkaufen bin, sondern der zum verweilen einlädt. Und ich finde, das Farbkonzept macht es ruhiger, es entspannt das Auge beim Reinkommen.

Chris: Was ist deine Vision für die Buchhandlung? Wo soll es in ein paar Jahren hingehen?

Sarah: Meine Vision ist, dass ich möglichst viele Menschen mit dem Thema Diversität erreiche, die sich damit noch nicht beschäftigt haben. Vor allem die, die immer ihre gleichen Bestseller-Autoren lesen und jetzt mal etwas neues entdecken – und damit auch ihren Lesehorizont erweitern.

Chris: Was meinst du, wie ist deine Bilanz nach den ersten Tagen. Wie ist es bisher für euch angelaufen.

Sarah: Ganz gut. Wir haben richtig viele positive Rückmeldungen bekommen aus allen Richtungen von Leuten, die meinten »cool, dass es euch jetzt gibt« und »wichtig, dass ihr endlich da seid«. Auch ganz viele Menschen, die unser Konzept verstanden haben, von denen ich nicht dachte, dass sie es so annehmen würden. Aber natürlich haben wir auch Rückmeldungen bekommen wie »was ist das für ein Quatsch« oder »haben wir keine größeren Probleme«. Daran sieht man, dass unser Konzept scheinbar noch so neu ist, dass einige Menschen damit nichts anfangen oder es nicht annehmen können. Wir haben viele Gespräche geführt, auch auf unseren social media Plattformen, doch ich finde es gut, dass es eine Diskussion angeregt hat. Die vielen Rückmeldungen zeigen, dass das Interesse an dem Thema da ist und das ist super.

Chris: Vielleicht mit Hinblick auf Vielfalt in der Literatur – heißt diverse Autor:innen auch gleichzeitig diverse Geschichten?

Sarah: Ich weiß nicht, ob es direkt zusammenhängt, aber die Geschichten sind freier und vielfältiger. Es kommen diversere Protagonist:innen vor und die Lebensrealitäten sind andere. Aber nicht als highlight der Geschichte, sondern als Normalität. Und das ist das, was ich daran so mag und schätze, dass die Vielfalt zur Normalität wird.

Chris: Stichwort »Kill your darlings«: Bei welchem Buch hast du letztens einen Aha-Moment gehabt und versteckte Stereotypen und Diskriminierungen entdeckt?

Sarah: Leider bei einigen Büchern von Astrid Lindgren. Da kommen einige rassistische Bezeichnungen vor und das ist für mich eine sehr gewaltvolle Sprache. Es gibt ein paar Geschichten, die ich dahingehend als Laden nicht unterstützen will, weil ich sie gefährlich finde.

Buchhandlung Kohsie

Chris: Ihr behaltet euch ja auch vor, einige Bücher nicht zu verkaufen oder nicht zu bestellen, wie kommt es dazu?

Sarah: Ja, ich möchte keine Rassismen, Sexismen oder andere Diskriminierungen und Gewalt unterstützen, deshalb behalte ich mir vor, einige Bücher nicht zu verkaufen. Das schließt zum Beispiel auch Harry Potter ein. Auch wenn ich es früher selber gerne gelesen habe, wird es das Buch nach den menschenverachtenden Aussagen der Autorin bei uns nicht geben.

Chris: Bei dir gibt es ja nicht nur einen Fokus auf Geschlecht, sondern auf Diversität allgemein. Was ist dir dabei besonders wichtig?

Sarah: Ich möchte den Fokus auf die Herkunftsidentität legen. Also auf die Fragen: Wo komm ich her? Wie wachse ich auf? Wie verorte ich mich? Und das mit Geschichten und Büchern zum Thema Rassismus, »anders sein« und aufwachsen in Deutschland und nicht klassisch »deutsch« wahrgenommen werden. Diese Erfahrungen und Geschichten in den Mittelpunkt stellen und zeigen, dass es noch mehr gibt als »weiß und blond«. Auch in der Verschränkung mit Geschlecht und mit dem Fokus auf: Was macht das mit mir? Wie fühle ich? Und was erlebe ich dadurch im Alltag? Und damit zeigen, was wir gesellschaftlich auch noch aufzuarbeiten haben.

Doch es geht mir nicht nur um Hautfarbe, sondern auch um beispielsweise das Thema Behinderung. Ich will Geschichten anbieten, die Vielfalt nicht highlightet, sondern sie als Normalität schätzt.

Chris: Noch eine Frage zu deinem eigenen Leseverhalten: Welches Buch kannst du immer wieder lesen?

Sarah: Ich lese Bücher meistens nur einmal. Doch ich weiß, als Kind oder Jugendliche habe ich, damals noch von einem Autor, ein Fantasy-Buch mehrmals gelesen und zwar »Dreizehn« von Wolfgang Hohlbein. Es hat mich ungemein fasziniert, weil da, das erste Mal für mich, ein Mädchen eine Phantasiegeschichte erlebt und die ganzen Abenteuer bewältigt. Das hat mich damals beeindruck und bestärkt. Deshalb habe ich es mehrmals zur Hand genommen.

Chris: Da sind wir auch schon beim Thema Repräsentation in der Literatur. Hast du das Gefühl, dass sich gerade Kinder- und Jugendliteratur heute ändert und vielfältiger wird?

Sarah: Es ändert sich langsam, aber es passiert was. Als Kind habe ich mich zum Beispiel nie gesehen gefühlt, weil es kein Kind gab, dass selbstverständlich eine dunklere Hautfarbe hatte. Und wenn dann nur in einem Kontext außerhalb von Europa oder als Randfiguren. Es ist so wichtig, dass diverse Figuren Geschichten erleben und damit Kindern zeigen, dass sie selbstverständlich am Leben teilhaben und selbst gestalten können.
Aber das kommt langsam, wir haben auch eine Auswahl an Kinderbüchern da, in denen Hautfarbe und Geschlechtsidentität thematisiert werden. In denen es völlig normal ist, dass Jungs auch mal Kleider tragen oder es vielfältige Familien gibt, damit sich Kinder darin auch wiederfinden können. Denn das ist mir dabei am wichtigsten. Die Vielfalt im Leben zu zeigen und Leser:innen zu bestärken.


Ich bedanke mich bei Sarah Lutzemann für das tolle Gespräch und die gemeinsame Zeit und wünsche ihr und ihrem Mann Danny Lutzemann nicht nur einen erfolgreichen Laden, sondern auch weiterhin viele inspirierende Begegnungen mit diverser Literatur.

Und jetzt?

Na ab in die Diversity-Buchhandlung Kohsie und lasst euch von Sarah Lutzemann ein tolles Buch empfehlen. Ihr findet sie in Halle (Saale) oder überall als Online-Shop.

Diversity Buchhandlung Kohsie
Kleine Marktstraße 7
06108 Halle (Saale)
https://kohsie.de/
Hauptladenfläche ist barrierefrei Zugänglich.

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