Vor einer Steinwand ist ein Polaroid auf dem Theresa Donner in der Buchhandlung »heiter bis wolkig« an einer Bücherwand lehnt. In der rechten oberen Ecke ist das Logo, eine lachende Wolke, hinter der eine Sonne vorkommt, abgebildet.
Interview

Bücher zwischen heiter bis wolkig

Die Kiezbuchhandlung für (H)alle

Mir liegen kleine Buchhandlungen sehr am Herzen. Aus meiner Zeit in Berlin habe ich gerade kleine Indie-Buchhandlungen schätzen und lieben gelernt. Doch auch in Halle habe ich schnell meine Lieblings-Kiezbuchandlung gefunden: »heiter bis wolkig«. Welche Bücher im Schaufenster und im Regal ausliegen unterscheidet sich hier für mich von anderen Buchhandlungen, trift direkt meinen Geschmack und läd um so mehr zum Stöbern ein. Und so wie mir geht es auch vielen anderen Menschen in Halle (Saale), für die »heiter bis wolkig« in den letzten Jahren der Stammbuchladen geworden ist. Und zu dem wurde »heiter bis wolkig« im Juli 2021 mit dem Preis der Deutschen Buchhandlungen ausgezeichnet – als einziger Buchladen in Sachsen-Anhalt.

Also höchste Zeit, mich mit Theresa Donner zu unterhalten, die 2017 die Buchhandlung gegründet hat. Theresa hat erst Romanistik in Jena und dann Angewandte Literaturwissenschaften in Berlin studiert, bevor sie nach unterschiedlichen Praktika im Verlagswesen und unter anderem der Arbeit bei der »Buchbox« in Berlin für die Liebe nach Halle gezogen ist. Die Liebe zur Literatur steckt spürbar in ihr drin und als sie einen Eckladen im Paulusviertel gesehen hat, dachte sie: »entweder ich mach das Jetzt oder in 50 Jahren, wenn ich in Rente bin«.

Und so wurde 2017 kurzer Hand die Buchhandlung »heiter bis wolkig« in der Ludwig-Wucherer-Str. 69 eröffnet. Seit 2020 gibt es die zweite Filiale in der Richard-Wagner-Str. 7 – und mehr ist schon in Aussicht. Doch was noch alles auf Theresa und die Welt der Bücher zukommen wird, verrät sie mir im Gespräch.


Das Interview mit Theresa Donner von der »heiter bis wolkig« Buchhandlung

Chris: Was ist das Konzept hinter »heiter bis wolkig«?

Theresa: Wir verkaufen in erster Linie Literatur, also Bücher die uns gefallen und die wir auswählen nach Inhalt, Cover, Sachen, die uns gefallen und Autor*innen die wir mögen und schätzen. Wir versuchen, die Bücher für sich allein sprechen zu lassen und das zu präsentieren, was wir auch selber gerne lesen. Angefangen haben wir in der Ludwig-Wucherer-Straße und sind seit letztem Jahr auch hier in der Richard-Wagner-Str. Hintergrund ist, dass es eigentlich noch keinen Kiezbuchladen im Paulusviertel und in Giebichenstein, DEN Vierteln von Halle, gab. Der Laden wurde von Anfang an gut aufgenommen und die Leute haben sich gefreut. Wir haben so viele liebe und nette Stammkund*innen.

Chris: Wo nach wählt ihr eure Bücher aus?

Theresa: Unsere Auswahl ist sehr subjektiv. Es geht um das, was uns wichtig ist. Doch ein Schwerpunkt sind Indie-Verlage. Das war von Anfang an so. Es ist uns auch wichtig, sie bei der noch so kleinen Ladenfläche auszulegen, denn man muss sie auch sehen und wenn sie nirgendwo liegen, kann man sie auch nicht kaufen.

Aber bei uns geht es auch in eine politische Richtung, so hat sich in den letzten Jahren auch der Markt entwickelt. Von Frauenbildern und Frauenliteratur bis hin zu Büchern, die von People of Color geschrieben wurden. Das hat in letzten Jahren stark zugenommen und die haben wir auch im Sortiment, weil wir auch Kund*innen haben, die sich dafür interessieren und explizit nachfragen. Das merken wir vor allem bei Kinderliteratur, aber auch bei der Belletristik.

Außerdem bin ich froh, dass ich ein so tolles Team habe und alle auch ihre eigenen Themen und Genre haben, in denen sie sich auskennen.

Dabei ist es uns wichtig, wie wir uns nach außen hin zeigen. Also welche Bücher bei uns im Regal zu finden sind, zeigt auch, wie wir so drauf sind. Ich sage mal so: ein Thilo Sarazin würden wir nie auslegen. Aber ich würde ihn bestellen. Bei anderen Büchern, Autoren oder einschlägigen Verlagen wird es bei uns das nicht geben, weil ich damit keinen Umsatz machen möchte. Das ist aber auch eine persönliche Sache.

Chris: Wie sieht es bei JKR aus?

Theresa: Ja, die haben wir da. Ich weiß, dass sie sehr kontrovers besprochen wird, auch in der queeren Szene und wir setzten uns damit auseinander. Das Problem dabei ist, dass durch ihre Bücher ganz viele Menschen zum Lesen kommen. Das haben seit dem kaum andere Bücher geschafft. Da bin ich sehr hin und her gerissen.

Aber ich bin auch eine weiße Mitteleuropäerin und habe nicht alles auf dem Schirm. Doch man kann mit uns über alles reden. Und es ist auch schon passiert, dass Kund*innen auf uns zu kamen und gefragt haben, warum haben wir dieses oder jenes Buch im Sortiment haben. Dann reden wir dadrüber und nehmen es gegebenenfalls auch aus dem Sortiment. Wir stehen ja auch ein Stück weit in der Öffentlichkeit und haben eine Plattform. Und die wollen wir nicht nur alten weißen Männern geben, da habe ich keine Lust drauf.

Chris: Was unterscheidet heiter bis wolkig von anderen Buchläden?

Theresa: Die Einrichtung, die Art und Weise des Präsentierens und unsere Auswahl an kleinen Indie-Büchern. Wir haben auch Unterhaltungsliteratur da, aber das sieht man nicht sofort. Es kommt oft als Rückmeldung, »wir hätten das, was Thalia nicht hat«. Das stimmt ja nicht. Es sieht bei uns im Laden anders aus, weil bei uns einfach andere Dinge im Vordergrund stehen. Und was bei anderen vielleicht hinten in einer Ecke zu finden ist, legen wir vorne aus – und umgekehrt.

Wir haben halt nur einen begrenzten Ladenraum und gucken deshalb, welche Bücher uns Spaß machen. Und das unterscheidet uns: Wir sind individuell und empfehlen das, was wir selber gerne Lesen. Deshalb liegt bei uns das auf dem Stapel, was du vielleicht in großen Buchläden schwer findest.

Chris: Ihr habt im Juli diesen Jahres den Deutschen Buchhandlungspreis gewonnen. Wie kam es dazu?

Theresa: Wir wurden nominiert und haben den Preis für besondere Buchhandlungen gewonnen, der mit 7.000 EUR dotiert ist. Das hat uns riesig gefreut, auch weil wir die einzige Buchhandlung in Sachsen-Anhalt sind, die dieses Jahr den Preis gewonnen hat. Es war auch total schön, sich nach so langer Zeit rauszuputzen, zu der Preisverleihung nach Erfurt zu fahren und sich mit Kolleg*innen auszutauschen. Wer würde sich nicht freuen, einen Preis zubekommsen für das, was du machst und was du gern machst. Und jetzt haben wir uns von unserem Preisgeld ein Lastenfahrrad gekauft.

Doch neben dem Geld haben wir auch viel Aufmerksamkeit bekommen, gerade weil wir auf der langen Liste der Buchläden die einzigen aus Sachsen-Anhalt sind. Das ist schon sehr traurig. Doch es gibt halt einfach ein krasses Problem in den ländlichen Regionen, gerade im Osten, weil es einfach kaum Menschen gibt, die bestehende Konzepte übernehmen wollen. Und so werden in den nächsten Jahren viele Buchhandlungen altersbedingt geschlossen. Obwohl es derzeit auch viel Unterstützung in der Unternehmensgründung gibt. Eigentlich ist jetzt die perfekte Zeit, einen Buchladen zu eröffnen. Die Leute würden dich mit offenen Armen empfangen und denken: »Endlich macht hier mal wer was!«

Chris: Was sind eure nächsten Pläne? Wo soll es für euch hingehen?

Theresa: Wir haben im letzten Jahr den zweiten Laden in der Richard-Wagner-Str. aufgemacht. Mitten in Corona. Am Anfang dachten wir noch, »ach das wird alles nicht so schlimm, es wird ja nicht ewig dauern«. (lacht) Doch wir hatten einfach Glück, weil wir als Buchladen weiterhin offen bleiben konnten. Und jetzt haben wir durch einen guten Stammkunden eine neue Ladenfläche in der Gütchenstraße mieten können. Durch unsere letzte Ladenöffnung haben wir gelernt, dass wir einen zeitlichen Puffer brauchen. Gerade ist es ja auch sehr schwierig mit dem Handwerk zum Ausbau, weil alles so gefragt ist und zum Beispiel Holz knapp ist.

Also kam uns die Idee für einen Kalender Pop-Up Store. Der wird jetzt am 6. September 2021 eröffnen. Ich finde ja Kalender total toll und auch die Idee von Pop-Up Stores super. Und so können wir schon mal Kalender verkaufen und nebenbei weiter ausbauen. Und der Plan ist, dass wir im Februar 2022 komplett mit dem Laden aus der Ludwig-Wucherer-Str. dort reinziehen können.

Dann wird es da auch mehr Platz geben, für zum Beispiel Papeterie Produkte. Ich wollte als Kind schon immer einen Stifteladen aufmachen. Ich finde es traurig, dass es hier in Halle mit der Kunsthochschule nicht einen vernünftigen Papeterie- und Künstlerbedarfsladen gibt. Zusätzlich haben wir dann auch mehr Platz, um kleinere Veranstaltungen zu machen. Denn das ist auch ein Wunsch, den ich lange schon habe – kleine Lesungen zu machen.

Und wenn ich irgendwann mal ganz viel Geld und ganz viel Zeit habe, hätte ich gerne einen kleinen Bus, wie früher die Bücherbusse von Bibliotheken. Damit könnte ich damit raus aufs Land fahren und auch zum Beispiel älteren Menschen Literatur vorbei bringen oder Bestellungen entgegen nehmen. Das würde ich cool finden.

Chris: Was liegt bei dir aktuell auf dem Nachtisch, was liest du gerade?

Theresa: Ich bin gerade fertig mit Evie Wyld »Die Frauen« und lese jetzt unter anderem »Wie viel von diesen Hügeln ist Gold« von C Pam Zhang. Da geht es um die Goldgräberzeit in Amerika und zwei Schwestern chinesischer Einwanderer, die ihren Vater begraben wollen. Und das Interessante ist, die eine wird als Junge erzogen, weil ihr Vater immer einen Sohn haben wollte und die andere als Mädchen. Es ist eine kleine Abenteuergeschichte und ich bin gespannt, wie das Verhältnis der beiden weiter geht und wie sie diesen Schwesternkonflikt lösen werden.


Vielen Lieben Dank an Theresa für das offene und angenehme Gespräch. Ich drücke dem ganzen Team der Buchhandlung »heiter bis wolkig« alle Daumen, die ich habe für ihre tollen Zukunftsprojekte und freu mich schon auf den nächsten Besuch in einem der Läden.

Und jetzt?

Na Arsch hoch und auf in einen der Läden von »heiter bis wolkig« und sich beraten und inspirieren lassen.

Hier findet ihr die tollen Bücher:

  • Buchladen »heiter bis wolkig« // Ludwig-Wucherer Str. 69, 06108 Halle (Saale)
  • Buchladen »heiter bis wolkig« // Richard-Wagner-Str. 7, 06114 Halle (Saale) (barrierefrei zugänglich)
  • ab dem 06. September 2021: Kalender Pop-Up Store »heiter bis wolkig« // Gütchenstr. 15, 06108 Halle (Saale)

Oder natürlich auch online: https://www.heiterebuecher.de/


Beitragsbild Interview mit Sarah Lutzemann von Kohsie

Lust auf mehr Buchläden? Dann gibt’s hier das Interview mit Sarah von der Diversity-Buchhandlung Kohsie

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