Eine Hand hält das Buch »Auf einem Sonnenstrahl« von Tillie Walden vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Auf queer-feministischen Sonnenstrahlen. Der Weltraum-Comic von Tillie Walden.
Comic

Tillie Walden: Auf queer-feministischen Sonnenstrahlen

Der besondere Weltraum-Comic

Völlig losgelöst von der Erde – oder besser völlig losgelöst von allem, was uns gesellschaftlich einschränkt. Denn fast schon freischwebend wirkt »Auf einem Sonnenstrahl« von Tillie Walden. Doch Abenteuer im Weltraum gibt es viele, Zukunftsvisionen und Science-Fiktion-Erzählung noch viel mehr. Was aber Waldens Comic abhebt (im wahrsten Sinne des Wortspiels) ist die feministische und queere Utopie, die ganz nebenbei und fast schon subtil-unaufdringlich in diesem Weltraumabenteuer entworfen wird.

Die Comic-Künstlerin Tillie Walden (*1996) ist vielen vielleicht schon ein Begriff. Ihr autobiographischer Comic »Spinning« (dt. »Pirouetten«) zwischen einer Teenager Eiskunstlaufkarriere und den Erkunden der eigenen Homosexualität hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Und auch »Auf einem Sonnenstrahl«, der 2021 erst in der deutschen Übersetzung von Barbara König bei Reprodukt erschien, wurde bereits ab 2016 von ihr als Webcomic online veröffentlicht und hat mehrere Preise gewonnen.

Mit dem Sonnenstrahl durch den Weltraum

In »Auf einem Sonnenstrahl« wird Mia frisch vom Weltrauminternat zu einer Arbeitsgruppe vermittelt, die alte Ruinen, die im All herum schweben, restauriert oder zu neuen Gebäuden umbaut. So verschieden das Team zu Beginn auch sein mag, wachsen sie schnell zu einer Wahlfamilie heran, die alles füreinander aufs Spiel setzten wird. Vor allem auf der gefährlichen Reise ans Ende des Weltraums, zur geheimnisvollen »Treppe«, um Mias vermisste Schulliebe Grace wieder zu finden.

Buchcover von Tillie Walden »Auf einem Sonnenstrahl« mit Comic-Panel.

Tillie Walden verwebt Handlungsstränge aus der Gegenwart gekonnt mit Erinnerungsepisoden aus Mias Schulzeit, die sich zu Beginn nur in ihrer Farbgebung voneinander unterscheiden und immer mehr miteinander verschmelzen. Vor dem schwarzen Hintergrund des Weltalls strahlen die Farben zwischen warmen Rot und Orange und kälterem Blau und Violett den Leser*innen entgegen. Die Panels zeigen eine unglaubliche Tiefe, die eine*n direkt ins Weltraum ziehen will. Und gleichzeitig zeugt die Detailvielfältigkeit der Gebäude und Räume von der immensen Kreativität der Künstlerin Tillie Walden.

Der liebenswerte und vor allem nicht komplett weiße Cast aus Jules, der noch jungen Rebellin, Alma, die eindeutig das Sagen hat, Char, der Ehefrau von Alma und eigentlicher Schillfskapitänin, Elliot, genannt Ell, als nicht-binäres Technik-Mastermind und Mia, die vor allem auf der Suche nach sich selbst ist, wird mehrdimensional und vielschichtig gezeichnet. Alle habe ihre eigene Vergangenheit, die voller Schmerz, Ablehnung, Gefahr und Geheimnis zu sein scheint. Doch was sie verbindet ist eine rebellische Haltung gegenüber Regeln und ein bedingungsloser Support.

Wenn queere und feministische Utopien gelebt werden

Und das ist das besondere an diesem Weltraumabenteuer: Es stehen weniger dystopische Konstruktionen und Raumfahrtechniken im Mittelpunkt, sondern Frauen, die tun, was für sie selbst richtig ist und sich gegenseitig unterstützen. Walden erzählt eine Geschichte über die Macht der queeren Wahlfamilie, die alles schaffen kann, wenn sie zusammenhält. Und von Heldinnen, die von Gebäudeausbau und Raumschifftechnik über Elektronik bis hin zu Planeten regieren einfach alles können. Denn die wahre Utopie ist ein selbstverständlich gelebtes queer-feministisches Empowerment.

Warum sind Erwachsene so dumm? Je älter man wird, desto mehr vergisst man anscheinend, dass man Dinge ändern kann. Bescheuert, denn Erwachsene haben Geld. Sie können sich einen Vorschlaghammer kaufen und das Zimmer kaputthauen, in dem sie festsitzen.

Tillie Walden »Auf einem Sonnenstrahl«, S. 176.

Dabei spiegeln die Comic-Ästhetik und das Setting die Seelenlandschaft ihrer Figuren wieder: Alle wirken etwas verloren und schwebend in der Weite des Weltalls. Das Restaurationsteam wirkt genau so verloren wie die Ruinen, die sie wieder aufbauen sollen – und in dem Arbeitsprozess bauen sie ihre Zwischenmenschlichkeit, Gruppenzugehörigkeit und Verbindung auf, die sie zur eigenen Familie werden lässt. Die Gesellschaftskritik ist als Rebellion gegen ein striktes Schulsystem im Internat, bevormundende Arbeitgeberinnen, Widersetzten gegen Weltraumregeln und das Auflösen eines klassischen Familienmodells auf allen Ebenen in die Geschichte eingeschrieben. Gleichzeitig öffnet die Bildebene unendliche Weiten und immer neue Räume in den Möglichkeiten des Weltalls.

Ganz selbstverständlich wird queer geliebt und für diese Liebe auch gekämpft. Ob Mia, die sich nicht von ihrer Schulromanze mit Grace lösen kann und alles auf sich nimmt, um sie wieder zu treffen. Oder Alma und Char, die bei weitem nicht immer einer Meinung sind, aber alles für einander tun. Und einer freundschaftlich-familiären Liebe, in der alle die Freiheit haben, sie selbst zu entwicklen, mit ihren eigenen Kompetenzen einzubringen und so geliebt zu werden, wie sie sind. Da ist es selbstverständlich, dass auch alle Allies sind, wenn es darum geht, Elliots Geschlechtsidentität und Pronomen anderen cis-Menschen zu erklären.

I don’t think I could’ve drawn a graphic novel about two young lesbians if I wasn’t out right now. I always avoided the whole queer thing in stories because I felt like I couldn’t draw openly gay characters if I was still scared to be openly gay.

Tillie Walden, Interview mit Vulture, »Tillie Walden on the Queer Characters and Emotional Turmoil of Her New Comic, I Love This Part«
von Claire Landsbaum, 2015.

Zwischen all den Abenteuern und Rettungsaktionen fällt es kaum auf, dass kein einziger Mann vorkommt. Die Abwesenheit von Männlichkeit ist keine Diskriminierung, sondern eine metaphorische Loslösung von patriarchalen Vorstellungen. Die Welt, die wir vorfinden, ist zertrümmert und fragmentarisch – vermutlich hat sich das Patriarchat längst selbst zerstört. Und erst ohne diese Machtstrukturen besteht auch die Möglichkeit, eine queer-feministische Utopie konkret zu leben. Es geht also nicht um eine Welt ohne Männer, sondern um eine, in der sich alle frei entfalten, lieben und leben können, wie sie wollen. Bleibt uns nur zu hoffen, dass Tillie Waldens Weltraumvorstellung schneller Wirklichkeit wird, als gedacht.

Fazit

Wenn ich selbst Teil der Weltraumcrew werden will und mit ihnen Abenteuer in der Ruinen-Weite von Tillie Waldens Weltraum-Ästethik erleben will, spricht das sowohl für diese einzigartige queere Geschichte als auch für den unverwechselbaren Zeichenstil. Also auf allen Ebenen eine Empfehlung!

Vor der Lektüre

»Auf einem Sonnenstrahl« von Tillie Walden ist in der Übersetzung von Barbara König bei Reprodukt erschienen. Wer Lust auf das englische Original hat, kann sich auch online den kostenfreien Webcomic gönnen: https://www.onasunbeam.com/

Das zitierte Interview mit Tillie Walden in Vulture findet ihr hier: »Tillie Walden on the Queer Characters and Emotional Turmoil of Her New Comic, I Love This Part«

*** Unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar. ***


Eine Hand hält das Buchcover von »Blau ist eine warme Farbe« vor einer Steinwand. Auf der linken Bildseite sind Kreise in den Farben der Lesbischen-Pride-Flagge zu sehen.

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