Eine Hand hält das Buchcover von Dragoslava Barzut »Die Nähe verliehren« vor einer Steinwand. Davor ist ein Schriftzug mit dem Beitragstitel: »Schreiben und Erinnern gegen Gewalt und Einsamkeit. Dragoslava Barzut über lesbische Liebe, aufwachsen im Krieg und Fußball«
Roman

Dragoslava Barzut: Schreiben und Erinnern gegen Gewalt und Einsamkeit

Über lesbische Liebe, aufwachsen im Krieg und Fußball

Queere Literatur aus Ost-Europa findet mensch sehr selten auf dem deutschen Buchmarkt. Dass da unterschiedliche Machtverhältnisse von kulturrassistischen Strukturen im Literaturbetrieb bis Queerfeindlichkeit eine Rolle spielen, soll an dieser Stelle nicht groß ausgeführt werden. Ein um so größeres Geschenk ist es, das preisgekrönte Romandebüt von Dragoslava Barzut »Die Nähe verliehren« (Serbisches Original »Papirne disko kugle«) zu lesen. Dank der Initiative der Übersetzerin Marie Alpermann ist es 2021 im w_orten & meer Verlag erschienen. Doch warum ist gerade dieses Buch auch eine besondere Leseempfehlung?

In »Die Nähe verlieren« geht es um das Aufwachsen in den 1970er und 1980er Jahren im ehemaligen Jugoslawien. Es geht um ein kleines Mädchen, Elodi, dass sich nicht an Vorstellungen von Geschlecht halten will – schon gar nicht, wenn es um ihre große Leidenschaft Fußball geht. Und auch nicht im Hinblick auf ihre schon frühe Anziehung zu der rätselhaften Dolores. Doch es geht auch um ein Serbien heute, um Gewalt gegenüber queeren Menschen, um ein unterdrückendes System und den Kampf um Überleben.

Eine Hand hält das Buchcover von Dragoslava Barzut »Die Nähe verliehren« vor einer Steinwand. Daneben steht ein Zitat aus dem Buch: »Elodi ist erschöpft vom Patriarchat bei Dolores, bei sich selbst, bei anderen. Erschöpft von den heteronormativen Beziehungen, von irgendwelchen vorgezeichneten Normen und Formen. Von Ausreden, von Zwängen. Es sind die Flure, Fahrstühle, WC-Kabinen und die Öffentlichen. Sie ist müde vom Unverständnis, das groß und kompliziert ist, so unverständlich wie Bosnien.«
Buchcover von »Die Nähe verlieren« mit Zitat.

Zwischen Erinnerungsfetzen und Sprachlücken

Die große Frage, die Dragoslava Barzuts Roman durchzieht, ist: Wer kann hier wie erzählen? Erzählperspektiven und -stimmen wechseln so schnell, dass es beim Lesen schwierig wird, hinterher zu kommen. Mal folgen wir einer bis kurz vor dem Ende unbekannten Ich-Erzählerin direkt hinein in einen Strudel der inneren Monologe und Alltagserfahrungen. Mal einer scheinbar intradiegetischen auktorialen Stimme, die in Fragmenten aus Elodis Vergangenheit erzählt. Mal schlüpfen wir für den Perspektivwechsel in andere Figuren wie Dolores hinein, um einen noch komplexeren Blick auf die Geschichte und Figuren zu bekommen.

Dabei sind alle Erzählerinnen unzuverlässig, denn der Roman spielt mit Auslassungen, bewussten Falschinformationen und Erinnerungslücken. Es wird eine Geschichte erzählt, ein Bild, eine Situation entworfen oder an eine Erinnerung gedacht, nur um sie später als bloße Traumvorstellung zu entlarven und eine leicht korrigierte, scheinbar wahre Darstellung der Ereignisse zu liefern. Besonders auffällig wird diese Technik im Hinblick auf das Verhör und die Vernehmungsberichte, die sich durch den Roman ziehen. Hinter all dem stehen verschiedene Funktionen, die außerhalb der Handlung auf die komplexen Ebenen von Dragoslava Barzuts Roman verweisen.

Auf den Spuren der einzelnen Stränge

Die Ich-Erzählerin scheint über ihre eigenen Erlebnisse in der dritten Person zu sprechen – um eine Distanz zu sich selbst und der eigenen Geschichte zu bekommen. Oder weil ein so großer Unterschied zwischen dem jetzigen und dem früheren Ich liegt, dass sie sich wie zwei völlig verschiedene Personen anfühlen. Oder einfach um eine Möglichkeit zu finden, eigene Erfahrungen in einem Land im Krieg, in der Rebellion gegen Eltern und Vorstellungen von Weiblichkeit zu verarbeiten. Denn von Beginn an ist die Entfernung und Entfremdung von der Familie zu spüren, die für viele queere Menschen traurige Realität ist.

Fußball spielt nicht nur als Sport ein zentrales Motiv im Roman. Denn neben den Beschreibungen von Spielzügen und Taktiken, die in die Gedankenwelt über Handlungsstrategien im Alltag einfließen, bildet das Team aus jungen – und vor allem auch lesbischen – Frauen eine neue Wahlfamilie. Fußball ist nur der Anlass um einen Ort zu haben, an dem sich Frauen austauschen, gegenseitig unterstützen, kennen und lieben lernen. Ein Rückzugsort für die, die keinen Platz in der Familie oder Gesellschaft haben – oder denen dieser Platz verwehrt wird.

Auf dem Fußballplatz beginnt auch im frühen Teenagerinnenalter die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Elodi und Dolores. Denn schnell wird klar, dass die eine fast schon gehemmt von ihrer Faszination und Bewunderung ist, während die andere lieber frei und ungebunden das Leben selbst bestimmen will. Doch gleichzeitig ist es eine Liebe die Grenzen überschreitet in einer Welt, in der territoriale Gebiete gewaltvoll verhandelt werden und offen gelebte Homosexualität gewaltvoll sanktioniert wird.

Mit Elodi hat sie all ihre Grenzen überschritten, aber es hat nicht geklappt, nicht wahr? Das hat nicht geklappt, sagt Dolores. […] Was ist hinter dieser Grenze? Außer der Europäischen Union. Sie möchte in die EU, so wurde es ihr beigebracht. Sie schiebt den Gedanken wieder beiseite. Hinter dieser Grenze sind Illusionen vom Glück mit einer Frau, die sie für immer lieben wird. Doch da ist nichts, sie war schon dort. Eine Mauer ist da.

Dragoslava Barzut »Die Nähe verlieren«, S. 82f.

Und um einen solchen gewalttätigen Übergriff geht es bei der Vernehmung der Ich-Erzählerin durch die Polizei. Sehr eindrücklich zeichnet Dragoslava Barzut die Ohnmacht vor dem System, die Machtdominanz rechtlicher Strukturen und das sprichwörtliche Ausgeliefert sein gegenüber der Staatsgewalt nach. Denn ein Übergriff muss erst mal nachgewiesen werden in einem Rechtssystem, in dem Heteronormativität gewaltvoll durchgedrückt wird und queere Menschen zu selbstverschuldeten Täter*innen gemacht werden.

Die Kritik am Gesellschaftsverhältnissen ist allgegenwärtig: im Aufwachsen, dass von Folgen des Krieges geprägt ist, in den prekären Lebenssituationen der Nachtbar*innen, im eigenen Überlebensstruggle mit mehreren Jobs gleichzeitig. Wir bekommen ein Bild von Serbien, dass zwar ein hartes Leben zeigt, aber auch gleichzeitig eines, dass von großer menschlicher Wärme und Solidarität füreinander geprägt ist. Denn wenn du dich auf niemensch oder System verlassen kannst, dann ist deine eigene Community, dein eigenes Supportsystem um so wichtiger.

Ein Roman der weit über literarischen Aktivismus hinaus geht

Auf allen Ebenen des Romans wird deutlich, dass Dragoslava Barzut ein*e aktivistische Autor*in ist. Denn neben ihrer eigenen journalistischen Arbeit, hat sie eine Sammlung ex-jugoslawischer lesbischer Literatur herausgegeben und als Editorin einer Internetplattform gearbeitet, die sich für Menschenrechte einsetzt. In 2015 hat Dragoslava Barzuts zu dem die Organisation Da Se Zna (deutsch etwa »deutlich sein«) mitbegründet, bei der Gewaltübergriffe auf queere Menschen gemeldet werden können.

Ich kenne mich aus mit dem Schmerz, der aus einem ganzen Volk emotionale Invalid*innen gemacht hat. Wir teilen unsere Zimmer mit Schmerzvollen. Wir haben gelernt mit ihnen zusammen zu leben. Manchmal weinen wir zusammen, wie jetzt gerade. Und dann machen wir weiter.

Dragoslava Barzut »Die Nähe verlieren«, S. 36.

Und während all das in »Die Nähe verlieren« eingeflossen ist, ist es vordergründig nie aufgesetzt oder aufdringlich. Denn die große Stärke des Romans ist die Sprache und die Erzählkonstruktion. Dragoslava Barzut hat einen unglaublich assoziativen Schreibstil bei dem ausgehend von einem Wort eine Vielzahl von Ebenen, Geschichten und Stimmungen aufgebaut werden, die auch alle gleichzeitig eine Bedeutung spielen. Der Roman ist geprägt von Parataxen, Ellipsen und Chiasmen, die ein unglaublich schnelles Tempo bewirken. Gleichzeitig ist die Grundstimmung sehr intim, fast schon melancholisch wie ein Taunebelmorgen im Herbst.

Durch die Auslassungen und Korrekturen wird eine Spannung und ein Sog erzeugt, der die Leser*innen dazu anregt, selbst hinter das narrative Geheimnis kommen zu wollen. Und das ist etwas, was mich neben all dem komplexen Unterbau stark beeindruckt: Wenn ich als Leser*in gefordert bin und jedes Wort wichtig für den Gesamtkontext ist. Das ist Sprache auf höchstem Niveau.

Fazit

Dragoslava Barzut hat mit »Die Nähe verlieren« einen unglaublich komplexen Roman über Liebe, Kindheitserinnerungen, Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, über Ex-Jugoslawien und über Fußball geschrieben, der zu dem noch auf allen sprachlichen Ebenen überzeugt. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Vor der Lektüre

Triggerwarnung: queerfeindliche Gewalt, Krieg

»Die Nähe verlieren« von Dragoslava Barzut ist in der Übersetzung von Marie Alpermann
im w_orte & meer Verlag erschienen.

*** unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar. ***


Instagram LIVE mit der Übersetzerin

Vor allem die Arbeit von Marie Alpermann als Übersetzerin, aber auch Initiatorin für die Veröffentlichung von »Die Nähe verlieren« muss an dieser Stelle hervorgehoben werden. Denn passend zu der Handlung ist die Übersetzung geprägt von einem gender-sensiblen Sprachgebrauch, der viele aktivistische Perspektiven der Literatur Dragoslava Barzuts noch unterstützt.

Um diese Arbeitsweise genau verstehen zu können, freu ich mich sehr, am 23. September 2021 um 19:30 Uhr über meinen Instagram-Kanal mit Marie Alpermann live zu gehen und mit ihr über den Roman und geschlechter-gerechte Sprache in Literatur und Übersetzungen zu sprechen. Also seid live dabei!


Eine Hand hält das Buch »Auf einem Sonnenstrahl« von Tillie Walden vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Auf queer-feministischen Sonnenstrahlen. Der Weltraum-Comic von Tillie Walden.

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