Magazin

Männlichkeit ist das Problem

Ein Magazin für Männer und gegen das Patriarchat

Jungs weinen nicht! Männer können nicht über Gefühle sprechen.
Jungs dürfen das! Männer denken, sie dürften sich alles erlauben.
Und aus der alten Jungs-Gang werden schnell patriarchale Männerbünde.

Bei all dem sind nicht Jungs oder Männer selbst das Problem, sondern Männlichkeit an sich – oder besser gesagt, die Vorstellungen und Ansprüche, wie »Mann« zu sein hat. Und die haben fast immer negative und gewaltvolle Auswirkungen auf die, die ihnen nacheifern oder sie aufstellen. Und natürlich auch auf alle anderen, denn in einer patriarchalen Gesellschaft, sind alle von Männlichkeit betroffen.

Und mit genau diesem Phänomen setzt sich das neue Boykott Magazin auseinander. Hier geht es um »die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeiten aus (pro)feministischen Perspektiven«. Also darum, was Männlichkeit mit Macht und Machtverhältnissen, mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Öffentlichen und Privaten und mit jedem und jeder Einzelnen zu tun hat. Dabei richtet sich das Magazin an alle, die sich mit Männlichkeit näher auseinandersetzten wollen – doch vor allem direkt an (cis) Männer, um zu Selbstreflexion und einem verantwortungsbewussten Handeln anzuregen.

Lukas Tau und Ulla Wittenzellner, beide cis, sind das Redaktionsteam und die Initiator:innen von Boykott. In der ersten Ausgabe schreiben (cis) Männer und Frauen über ihre Erfahrungen und Auseinandersetzungen. Die Herangehensweisen sind breit gefächert – von theoretischer Einordnung, Erfahrungsberichten von Einzelpersonen oder Gruppen bis zu Interviews und literarischen Kurztexten ist alles dabei. Dabei wird es wissenschaftlich, persönlich, aufklärerisch und aktivistisch. Es wird versucht, einen möglichst breiten Zugang zum Thema zu finden und verschiedene Perspektiven einzubinden.

Zwischen Beziehungsarbeit und fragiler Erektion

Ich möchte im Folgenden ein paar Artikel herausgreifen, die mir besonders gefallen haben, bzw. mich zum Nachdenken angeregt haben.

Wer redet und wenn ja wie viel

Im Beitrag »Können wir jetzt über was anderes reden? Unsere Erfahrungen in Beziehungen mit cis-Männern« von U’n’S geht es darum, wie Freund:innenschaft aber auch Liebesbeziehungen von Vorstellungen von Männlichkeit und patriarchalen Machtverhältnissen geprägt sind. Das heißt, um Fragen wie: Wer leistet aktiv Beziehungsarbeit? Wer profitiert davon selbstverständlich? Wie hängt das mit der Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen, zusammen? Und wer verrichtet in Freund:innenschaften (emotionale) care Arbeit.

»Probleme, Gefühle oder Konfliktpunkte machen viele unserer cis-männlichen Freunde mit sich selbst aus. Das heißt vor allem, dass wir nicht mit einbezogen werden, in was sie denken, fühlen oder auch an Kritik an uns haben, beziehungsweise wie sie mit Kritik von uns umgehen.« (S. 40)

U’n’S »Können wir jetzt über was anderes reden?«, Boykott Magazin 2021, S. 40.

Es ist kein großes Geheimnis, dass cis-Männer selten über Gefühle sprechen, noch seltener untereinander, und dass klassische Beziehungsarbeit und emotional support oftmals von Frauen und Queers übernommen wird. Oder explizit in der Beziehung zu ihnen gesucht wird. Und das ist ein Problem, weil so auch in Freund:innenschaften patriarchale Arbeits- und Ausbeutungsstrukturen weitergetragen werden.

In dem Beitrag wird dazu aufgerufen, sich selbst und die eigene Kommunikationskompetenz im Hinblick auf Gefühle und Problembearbeitung zu hinterfragen und gleichzeitig auf die Beziehungen zu anderen Menschen im engen und engsten Umfeld zu schauen. Denn Kommunikation ist hier der Schlüssel – Kommunikation über sich selbst und innerhalb der Beziehung, damit das gemeinsame Verhältnis feministisch, also gleichberechtigt, gestaltet werden kann.

Über Sex, Erektion, Scham und Befreiung

Im Artikel »Fragile Erektion« schreibt Lukas Tau über eigene Erfahrungen mit Erektionsproblemen und One Night Stands. Ausgehend davon berichtet er von einem Reflexionsprozess und dem Überdenken, was Sex ist und bedeutet, was das mit einem Männlichkeitsbild von sexueller Stärke und Bereitschaft zu tun hat und was Nähe eigentlich für ihn bedeutet.

»Ich habe mich lange ziemlich allein mit meinen Unsicherheiten und der Scham des »Scheiterns« gefühlt.«

Lukas Tau »Fragile Erektion«, Boykott Magazin 2021, S. 76.

Hier wird ehrlich über die eigenen Erfahrungen und Gefühle besprochen bei einem Thema, dass gerade durch vorherrschende Männlichkeitsideale tabuisiert wird. Über die eigene Scham und deren Gründe zu reflektieren und gleichzeitig in einen kritischen gesellschaftlichen Diskurs einzuordnen, ist die große Stärke des Beitrags.

Täter, Opfer, Männlichkeit

Malte Täuberich skizziert in dem Text »Sexualisierte Gewalt und männliche Opfererfahrung – Schlaglichter auf ein komplexes Thema« wie Männlichkeitsvorstellungen auch die Eigen- und Außenwahrnehmung von männlichen Opfern sexualisierter Gewalt bestimmt. Dabei geht es um den Widerspruch von Männlichkeitsvorstellungen im Verhältnis zu der Tatsache auch »Opfer zu sein«. Oder der Annahme, dass männliche Sexualität eine permanente Bereitschaft bedeutet, durch die reale sexuelle Übergriffe und Gewalt verdeckt wird, weil Grenzüberschreitungen schwerer zu benennen sind. Hier wird ein sehr wichtiges Thema behandelt, das im gesellschaftlichen Diskurs viel zu kurz kommt.

Ist Mann bereit dafür?

Zunächt einmal ist es notwendig und höchste Zeit, dass es dieses Magazin gibt. Die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit ist ein wichtiger Weg, patriarchale Verhältnisse zu ändern. Und gerade die Priviligierten in der Gesellschaft, also in diesem Fall cis-Männer, müssen sich mit den eigenen Machtverhältnissen auseinander setzten, um eine Veränderung mitzugestalten. Das Boykott Magazin versucht dafür einen möglichst breiten Zugang zur Beschäftigung mit Männlichkeit zu schaffen und das auch mit verschiedenen Textformen.

Doch ich würde mir noch eine vielfältigere Mischung wünschen. Denn zum einen sind einige Texte, gerade im Theorieteil, sehr voraussetzungsreich und voller Fachbegriffe, die auch in schwerer Sprache erklärt werden. Generell ist die Wortwahl und der Sprachduktus doch sehr stark in linken Diskursen verhaftet, was per se nicht schlimm ist, aber Leute außerhalb der Szene ausschließt und auch abschrecken kann.

Und zum anderen ist ein intersektionaler Ansatz da, doch nur an wenigen Stellen auch konkret umgesetzt. Zwar berichtet Iven im Interview davon, wie sowohl Männlichkeit, Rassismuserfahrung und Klassismus das Leben prägen und wie unterschiedlich diese zusammenwirken. Und Marko Randow berichtet von Männlichkeit und schwuler Partnerschaft. Doch das ist noch nicht ausreichend genug! Wie ich bereits in der Besprechung von JJ Bolas »Mask Off« versuchte deutlich zu machen, muss Männlichkeit genau wie Feminismus intersektional gedacht werden, von Grund auf. Und um das auch konsequent umzusetzten, wünsche ich mir mehr queere, trans*, inter*, nicht-binäre Perspektiven und einen stärkeren Fokus auf Männlichkeit im Zusammenhang mit anderen Machtstrukturen.

Fazit

Ja, es ist wichtig, dass es dieses Magazin gibt.
Ja, ich sehe daran auch noch Verbesserungsbedarf.
Und ja, ich würde es trotzdem jede:r zum Lesen geben – auch wenn das nur der erste Schritt ist.

Vor der Lektüre

Das Boykott-Magazin soll halbjährlich erscheinen. Die erste Ausgabe ist aus dem Frühjahr 2021
und bereits in der 2. Auflage erschienen. Ihr könnt das Magazin in vereinzelten Buchläden erwerben
oder online bestellen: https://www.boykott-magazin.de/

*** Unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar. ***

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