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Erzählung

Familien, Fiktionen und soziale Ungleichheiten

Über die Mutter und über den Vater

Sie ist die Grande Dame der französischen Literatur, er der junge Shooting-Star der Szene. Sie verarbeitet den Tod ihrer Mutter. Er findet erstmals liebevolle Worte für seinen lebenden Vater. Beide schreiben über ihre Eltern, um sie und ihr Leben – und damit vor allem auch sich selbst – zu verstehen. Annie Ernaux, geboren 1940, und Èdouard Louis, Jahrgang 1992, kommen aus unterschiedlichen Generationen, aber aus ähnlichen Verhältnissen und schreiben beide über ein Leben und Aufwachsen in einem Frankreich, dass geprägt ist von sozialen Missständen, wirtschaftlichen Ungleichheiten und schwierigen Chancen für die Zukunft – und darüber, wie die Gesellschaft die Lebenswege entscheidend beeinflusst.

Annie Ernaux Buchvorstellung mit Zitat
Annie Ernaux Buchvorstellung mit Zitat

Eine Biographie zur Bewältigung der Trauer

Doch fangen wir vorne an. Annie Ernaux ist seit Jahren auch über Frankreich hinaus eine feste Größe der Bestsellerlisten. Sie hat es geschafft, mit einer Form von Literatur zu begeistern, die sich gekommt zwischen biographischer Erzählung, Poesie und Gesellschaftsanalyse bewegt. Bereits 1987 erschien ihre Erzählung »Une femme« in Frankreich, 2019 erst unter »Eine Frau« auf Deutsch, in der sie nach dem Tod ihrer Mutter in ihrem Schmerz auf eine Zeitreise geht und deren Leben von Geburt an nacherzählt.

Ich fand, meine Mutter nahm zu viel Raum ein. Ich sah weg, wenn sie eine Flasche zum Entkorken zwischen die Beine klemmte. Ich schämte mich für ihren barschen Ton und ihr forsches Auftreten, umso mehr, als ich ahnte, wie ähnlich ich ihr war.

Annie Ernaux »Eine Frau« (S. 53)

Anfang der 20. Jahrhunderts in ländlichen Nordfrankreich geboren, beschreibt Ernaux ein Leben, dem es an vielem Mangelt: an Essen, an Arbeit, an Bildung. Die Umstände sind hart, die Familien groß, die Dörfer klein und ihre Mutter zäh. Denn sie will mehr und baut sich nach und nach einen eigenen Laden auf, um als Frau, als Mensch unabhängig zu sein. Ihre einzige Tochter soll es leichter haben. Um ihr Bildung, ein Studium und die Klassenreise zu ermöglichen, arbeit und lebt sie unter großen Anstrengungen. Als der Vater stirbt und der gesundheitliche Zustand der Mutter sich verschlechtert, nimmt sie die Ich-Erzählerin zu sich. Beide versuchen ihren gemeinsamen Alltag zu organisieren, doch die eine fühlt sich nutzlos und die andere schuldig.

Annie Ernaux beschreibt in Form der Erzählstimme ihr Verhältnis zur Mutter als eine feinfühlige Mischung aus Zuneigung, gegenseitiger Verantwortung, Scham, Aufopferung und Frustration. Bei allem, was sie als Mutter und Tochter verbindet, trennen sie doch Welten. Denn die eine ist die unermüdliche Arbeiterin, dank derer die andere zur gehobenen Intellektuellen werden konnte.

Wieder redeten wir in diesem ganz bestimmten Ton miteinander, einer Mischung aus Genervtheit & ewigem Vorwurf, der immer zu Unrecht den Eindruck erweckte, wir würden streiten, ein Ton zwischen Mutter und Tochter, den ich in jeder Sprache erkennen würde.

Annie Ernaux »Eine Frau« (S. 66)

Durch das Aufzeichnen des Lebenswegs wird die Figur der Mutter nicht nur für die Ich-Erzählerin, sondern auch für die Leser:innen greifbar. Gleichzeitig verdeutlicht Enaux, welchen Einfluss soziale und wirtschaftliche Verhältnisse auf die Biographie haben. Diese Analyse von Klassismus und Geschlechterrollen durch biographische Elemente und Fiktion ist ein Grundthema im literarischen Schaffen von Ernaux und wurde in der Folge von vielen anderen Autor:innen übernommen.

Édouard Louis Buchvorstellung mit Zitat
Buchvorstellung mit Zitat

Was bisher noch nie gesagt wurde

Und damit sind wir bei Édouard Louis. Mit seinem Debüt-Roman »Das Ende von Eddy« (2014) erzählt er seine Kindheit und Jugend auch im Arbeiter:innkreis, auch in Nordfrankreich, nur fast ein Jahrhundert später. Er beschreibt, wie konservative Strukturen, Leben an der Armutsgrenze und Queerfeindlichkeit ihn als jungen schwulen Mann prägten, bevor er zum Studium nach Paris flüchtet. Der engstirnige und homophobe Vater mit dem Hang zum Alkohol kommt dabei wie zu erwarten nicht gut weg. Louis stellt sich mit seinem Erzählen in die direkte Tradition von Ernaux – und auch Didier Eribon (»Rückkehr nach Reims«, 2009) – und verbindet Autobiographie, Fiktion und Gesellschaftsanalyse.

Einmal schrieb ich in ein Heft über dich: Die Geschichte seines Lebens erzählen heißt, die Geschichte meiner Abwesenheit schreiben.

Édouard Louis »Wer hat meinen Vater umgebracht« (S. 17)

In der 2018 erschienden Erzählung »Wer hat meinen Vater umgebracht« wendet er sich in Form eines fiktiven Gesprächs an seinen Vater. Er zeichnet durch Erinnerungsfragmente und Annekdoten dessen Leben nach und stellt dabei die Frage: Wer hat maßgeblich das Leben, die Chancen und die Träume seines Vaters beeinflusst – der Staat, die Gesellschaft oder doch dieser selbst? Es ist kein Spiel aus Fragen und Antworten, denn der Vater selbst kommt nie zu Wort. Was Louis hier macht, ist ein Erzählen über und damit gleichzeitig ein Erzählen von – von dem schwierigen Verhältnis beider, dem Nachfühlen und Finden und dem eigenen zaghaften Perspektivwechsel.

Du warst ebenso das Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst.

Édouard Louis »Wer hat meinen Vater umgebracht« (S. 63)

Während Louis in seinem Debüt wütend mit den Eltern ins Gericht gegangen ist, erinnert er sich nun liebevoll, fast zärtlich, an Schlüsselerlebnisse mit seinem Vater, die ihn selbst für seine Entwicklung prägten. Mit ergreifenden Worten verfolgt er beide Lebenswege und schafft gleichzeitig eine Reflektion zwischen Klassismus, kritischer Männlichkeit, Aggression durch andere und sich selbst gegenüber und Heteronormativität.

Wie die Gesellschaft das ganze Leben beeinflusst

Es ist ein eindrückliches Erlebnis, wenn es Autor:innen vermögen, Leser:innen ganz nah an sich heranzuziehen. Und das können Ernaux und Louis auf allen Ebenen. Es entsteht das Gefühl, direkt an Erinnerungen, Emotionen und Selbstreflexion teilzuhaben und dabei einzigartig und intime Momente der Verletzheit zu erleben. Und gerade das sind die Momente, die alle aus der eigenen Familie, der eigenen Biographie kennen. Wenn das verbunden wird mit sozialer Analyse und Gesellschaftskritik, dann verbindet sich die Metaebene mit dem Privaten und es entsteht ein Panaorama der Gesellschaft, das vom großen Ganzen bis ins das einzelne Leben hinein reicht. Sowohl bei Ernaux als auch Louis werden Klassismus und Geschlechterrollen mit Poesie und Nähe verhandelt, die auch auf ganz wenigen Seiten einen tiefen Sog entwickelen und dazu anregen sich selbst, die eigene Familie und den eigenen Hintegrund neu zu betrachten.

Fazit

Lesen. Lesen. Und zwar beide. Und das als Einstiegslektüre oder für Kenner:innen.

Vor der Lektüre

»Eine Frau« von Annie Ernaux ist bei Suhrkamp erschienen
und Édouard Louis »Wer hat meinen Vater umgebracht« findet ihr bei Fischer.

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