Eine Hand hält das Buch »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit« von Heinz-Jürgen Voß vor einer Steinwand. Davor steht die Überschrift: Der Mensch legt das Geschlecht fest. Heinz-Jürgen Voß gegen die Natürlichkeit
Sachbuch

Der Mensch legt das Geschlecht fest

Wie »Natur« konstruiert wird

Geschlecht ist eines, wenn nicht sogar das zentrale Ordnungsprinzip innerhalb verschiedener Gesellschaften. Und diese Ordnung oder besser Einordnung beginnt schon weit vor der Geburt eines Menschen. Vorstellungen von Geschlecht und im speziellen der Binarität, also der Annahme, dass es zwei Geschlechter – männlich und weiblich – gibt, beeinflussen seit Jahrhunderten das Leben von Menschen. Ob sie wollen oder nicht.

Es geht darum, mit welchem Spielzeug gespielt wird, welche Klamotten getragen werden, wie der Körper auszusehen hat, welche Berufe erlernt werden, wie die Lebensplanung aussieht und und und. Das dabei nicht alle Geschlechter die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben, muss an dieser Stelle nicht mehr ausgeführt werden. Auch, dass Menschen aufgrund von Geschlecht diskriminiert werden, Gewalterfahrungen machen oder als »krank« angesehen werden, vor allem, wenn sie nicht in ein System der Zweigeschlechtlichkeit »passen«, sollte mittlerweile auch klar sein. Doch warum wird an diesem System festgehalten? Und woher kommt dieser Verweis auf eine scheinbare »Natürlichkeit«? Auf Biologie, auf Wissenschaft, mit der Ungleichheiten gerechtfertigt werden?

Buchcover und Zitat aus »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit« von Heinz-Jürgen Voß.

Dem geht Heinz-Jürgen Voß in »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit« nach. Voß dekonstruiert diese ominöse »Natürlichkeit« und zeigt damit, dass jegliche Vorstellung von Geschlecht immer gesellschaftlich erzeugt, also von Menschen gemacht, ist. Also auch wissenschaftliche Annahmen, biologische Untersuchungen und sich daraus ableitende Vorstellungen von Genen, Hormonen, Entwicklung und menschlicher Norm. Oder kurz gesagt: Nicht die Natur bestimmt das Geschlecht, sondern die Menschen bestimmten das, was sie selbst unter Geschlecht verstehen.

Menschen als gesellschaftliche Wesen

Voß stellt in den Analysen klar heraus, dass »Natur« und »Biologie« benutzt wurden – und immer noch werden –, um unterschiedliche Positionen und Machtgefälle innerhalb einer Gesellschaft zu rechtfertigen. Stichwort ist hier mal wieder Patriarchat. Dass die Natur nicht vorgibt, wie der Mensch ist oder zu sein hat, steht im unmittelbaren Zusammenhang damit, dass der Mensch immer und zu jeder Zeit vergesellschaftet ist. Heißt konkret: Der Mensch ist nie »allein«, sondern immer von Vorstellungen, Werten und Normen der Gesellschaft durchdrungen.

Geschlecht ist in der westlichen Gesellschaft eine bedeutende Kategorie, nach der Menschen differenziert werden. Es ist institutionalisiert in Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. Die Unterscheidung nach Geschlecht erscheint »natürlich«, weil sie stets schon im gesellschaftlichen Werden eines jeden Menschen stattfindet. Die gesellschaftliche Herstellung von Geschlecht ist somit kaum nachvollziehbar, da Geschlecht für dich und mich immer schon da ist.

Heinz-Jürgen Voß, »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit«, S. 66.

Mit Bezug auf die Schriften und Theorien von Simone de Beauvoir, Judith Butler und Karl Marx arbeitet Voß heraus, dass die Kategorie Geschlecht alle Bereiche des menschlichen Lebens beeinflusst. Gleichzeitig sind viele Betrachtungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern fehlerhaft, weil sie nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen betrachten. Bestes Beispiel dafür: die Rolle der Frauen in der Oberschicht vs. Lebensrealitäten von Arbeiter*innen. Daraus wird deutlich, dass Umfeld und Lebensumstände einen entscheidenderen Einfluss auf Körper, Verhalten und Möglichkeiten haben als eine natürliche Bedingtheit oder »Anlage«.

Natur und Herrschaft

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Heinz-Jürgen Voß den historischen Diskurs rund um Geschlecht von der Antike bis in die Gegenwart. Geschlecht wurde und wird eng mit Fortpflanzung verbunden – und dass nicht nur im Bezug auf die Einteilung von Körpern und Organen, sondern auch im Hinblick auf Aufgabenverteilung innerhalb einer Gesellschaft. Hier winkt wieder das Patriarchat und unser Stichwort ist (unbezahlte) care-Arbeit.

Voß geht Vorstellungen von ein, zwei und mehr Geschlechtern nach und stellt heraus, dass Differenz und Entwicklung sich als grundlegende Prozesse dominant herausgebildet haben. Oder anders formuliert: Unterschiede zwischen Geschlechtern und die Annahme, dass bestimmte Entwicklungen »besser als andere« sind, werden dafür genutzt, um bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten zu rechtfertigen, auszubauen und fortzusetzen. Objektive Wissenschaften sind leider ein utopisches Konstrukt. Denn welche Forschung unter welchen Bedingungen stattfindet, was mit welchen Annahmen wie untersucht wird und welche Ergebnisse dann populär verbreitet werden, unterliegen dem Zeitgeist und dem Nutzen zur Erhaltung des Systems. Und das betrifft vor allem Biologie und Medizin.

Was durch die Analysen von Voß klar erkennbar ist: Geschlecht ist nichts natürliches, sondern von mächtigen Menschen erschaffen.

Wie wir uns auch verhalten, selbst wenn wir die binäre geschlechtliche Einordnung von Menschen ablehnen, so beziehen wir uns doch stets auf das gesellschaftliche Reportoire bezüglich Geschlecht und tragen es damit weiter.

Heinz-Jürgen Voß, »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit«, S. 66.

Was so einfach klingt, ist in Wahrheit eine radikale Wissenschaftskritik, die Vorstellungen von Geschlecht aufbricht, um eine neue Freiheit für alle Menschen zu ermöglichen. Hier wird nachgewiesen, wie Vielfalt seit Jahrhunderten unterdrückt wurde, um gesellschaftliche Machtverhältnisse zu legitimieren. Wenn wir uns von denen lösen wollen, dann durch das radikale Hinterfragen von allen Vorstellungen, Ansprüchen und Erwartungen, die wir an Geschlecht und damit an Menschen haben – und genau darin liegt die Kraft für eine gerechtere und wertschätzendere Zukunft!

Fazit

Das Sachbuch »Geschlecht. Wider die Natürlichkeit« liefert eine gute Argumentationsgrundlage, um mit biologistischen Rechtfertigungen gegen geschlechtliche Vielfalt umgehen zu können. Es ist sehr komplex und umfassend argumentiert, ohne dabei den Fokus zu verlieren. Für mich waren die ganzen biologischen Ausführungen interessant, auch wenn ich durch mangelndes Vorwissen einige Passagen mehrfach lesen musste.

Besonders gut gelingt Voß die Verstrickung von Gesellschaft, Natur_Wissenschaft und Herrschaftsverhältnissen aufzuzeigen. Für mich als Wissenschaftskritiker*in ein highlight.

Alles in allem eine unbedingte Leseempfehlung – doch eher für Menschen, die nicht mehr am Anfang mit der Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlecht stehen. Für Einsteiger*innen ist es vielleicht etwas überfordernd.

Vor der Lektüre

»Geschlecht. Wider die Natürlichkeit« von Heinz-Jürgen Voß ist bereits
in der vierten überarbeiteten Version im Schmetterling Verlag erschienen.

*** Unbezahlte Rezension für Rezensionsexemplar. ***


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