Chris schau vor einer Steinwand schräg nach oben. In Blickrichtung ist ein weißer Kreis mit der Innschrift: »Homonormativität vs. queerer Aktivismus«
Gedanken und Diskurs

Homonormativität vs. queerer Aktivismus

Am Ende vom Regenbogen wartet kein Glitzer

Die Stimmung ist alles andere als Glitzer und Regenbogen in der queeren Community. Während die einen sich mit längst erworbenen Rechten in der Mehrheitsgesellschaft sonnen, kämpfen die anderen weiterhin um Freiheit, Sichtbarkeit und Anerkennung. Denn langsam wird offensichtlich, was viele lange oder immer noch nicht wahrhaben wollen: Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus machen auch vor Minderheiten nicht halt. Oder anders gesagt: Wer bereits auf dem Weg in die bequeme Mitte der Gesellschaft ist, hat keinen Blick mehr für die, die immer wieder an den Rand gedrängt werden. Klassischer Fall von »wer zurück bleibt, wird zurück gelassen«.

Doch warum haben vielleicht gerade die »Zurück-Gelassenen« die bessere Postition? Was hat das alles mit Homonormativität zu tun? Warum zerfleischt sich die die queere Community gerade selbst? Und wie kann daraus endlich die Revolution entstehen?

Doch zunächst ein kleiner Rückblick. Bereits vor ein paar Monaten habe ich in dem Artikel »Pride (in the name of activism)« versucht darzustellen, was gerade alles in der queeren Community schief läuft – ich erinnere an Pride und #rainbowwashing, nackte Oberkörper auf dem CSD und Missbrauch von Regenbogenfahnen. Diese Woche habe ich am 07.09.21 im Rahmen der Pride-Week Halle (Saale) an einer spannenden Vorlesung von Dr. Karsten Schubert zum Thema »Sexualität und politische Kritik« teilgenommen, in der es darum ging wie PrEP zu einem neuen Ansatz der sexuellen Befreiung (nach Foucault) führen kann. Und mir wurde wieder einmal die Macht patriarchal-kapitalistischer Strukturen deutlich.

Keine Angst ich werde nicht den Vortrag rezitieren und auch nicht mit der Foucault-Keule kommen. Doch um das Grundproblem zu verstehen, werde ich im Folgenden auf ein paar der Thesen eingehen.

Sexualität und politische Kritik

Verstärkt durch die Aids-Krise erfolgte eine immense Abwertung und Stigmatisierung von schwulem Sex durch die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. Schwuler Sex galt und gilt bis heute als Gesundheitsrisiko, schmutzig und vor allem außerhalb jeder gut bürgerlichen Norm. Das beeinflusste das Selbstbild von schwulen Männern natürlich stark. Selbsthass ist bis heute ein großes Problem, gerade unter schwulen Teenagern, was nicht nur an der hohen Selbstmordrate zu sehen ist. Im Zuge von Aids wurde ungeschützter Sex – also Sex ohne Kondom – zu einem no go und vor allem ein promiskuitives Single-Leben stigmatisiert.

Nach Karsten Schubert sind das die Voraussetzungen für die verstärkte Ausprägung von Homonormativität, also einer Anpassung an heteronomative Vorstellungen und Lebenskonzepte der Mehrheitsgesellschaft. Vor allem deutlich wird das in den Schwulen-Rechtsbewegungen der 1990er Jahre, die sich nach dem Motto »wir sind genau so wie ihr« um einen Platz in der Gesellschaft bemühten. Heute sehen wir das wunderbar verdeutlicht an zwei Papas, die mit ihrem Kind die netten Schwulen von neben an sind – also völlig zufrieden konservative Wertvorstellungen und Familienmodelle leben können. Gedankt sei den jahrelangen und letztlich erfolgreichen Kämpfen um die Homo-Ehe.

Durch PrEP, dass in den USA seit 2012 und in Deutschland nach der Kostenübernahme durch Krankenkassen 2019 verstärkt Einsatz findet, kann nun nach Schubert die Stigmatisierung von Sex und damit auch schwulen Lebens durchbrochen werden. Kondome sind keine Notwendigkeit mehr, Sex bedeutet nicht gleich Krankheit und so können ungehemmt Sexpraktiken von Fetisch bis Orgie Einzug in die öffentliche Wahrnehmung finden, vor denen sich die prüde (hetero) Sexmoral eh schon immer gefürchtet hat. Sex, Sexualität und damit schwule Identität kann wieder subversiv werden. Der Weg stehe offen, um außerhalb von homonormativen Vorstellungen neue Brücken zu queeren Kämpfen zu schlagen.

An dieser Stelle sei erwähnt, das es Homonormativität natürlich nicht vor lesbischen Frauen halt macht. Zwei Mütter, Kind, im glücklichen Familienleben ist heute in Film und Serien ein fast genau so häufiges Bild wie beim schwulen Gegenpart. Aber eben nur fast so häufig und wenn, dann sowieso entsexualisiert, denn Frauen die Frauen lieben und_oder begehren kommen in patriarchal-hetero-Vorstellungen eh nur in Lesben-Pornos vor, die für hetero cis-Männer gemacht sind.

Doch im Gegensatz zu Karsten Schubert sehe ich PrEP oder eine Entstigmatisierung von schwulem Sex nicht als Initialmoment, um Homonormativität den Rücken zu kehren und gemeinsam Seite an Seite mit dem vergessenen Rest der queeren Community erneut für Rechte zu kämpfen. Denn das Problem liegt gesellschaftlich gesehen viel tiefer als eine längst überholte Sexualmoral.

Das Problem ist nicht der Sex, sondern das Patriarchat

Denn zu Beginn des gesellschaftspolitischen Protestes war queer eine radikale Absage an das System. Queere Menschen, die ausgegrenzt am Rand der Gesellschaft stehen, haben eine andere Perspektive auf die Zwänge der patriarchalen Hetero-Gemeinschaft. Und dazu gehörte von Anfang an ein Kampf gegen Rassismus, Zweigeschlechtlichkeit und Kapitalismus. Gerade in der Rückbesinnung auf den viel proklamierten »Ursprung« des queeren Aktivismus der westlichen Welt – Anmerkung: natürlich gab es viel früher bereits queeren Aktivismus, denken wir nur an die 1920er Jahre und die Bewegung um Magnus Hirschfeld – den Stonewall Riots vom 28. Juni 1969, wird klar: Den ersten Stein warfen vor allem Schwarze Trans*Aktivist*innen, BIPoC Queers, Sexarbeiter*innen und queere Obdachlose.

In »Queer und (Anti-)Kapitalismus« haben Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter umfassend dargestellt, wie die frühe intersektionale queere Bewegung schnell von einem cis-männlichen weißen Aktivismus eingenommen wurde und Schwarze, PoC, trans*, nicht-binäre, inter* Aktivistinnen bewusst, auch gewaltvoll, zurück gedrängt wurden, damit weiße Schwule und Lesben der Mittelschicht eine besser Chance hatten, um einen Stück vom Kuchen der Mehrheitsgesellschaft abzubekommen. Sprich Homonormativität in the making.

Allein hier wird deutlich, dass eine Stigmatisierung und Abwertung von Sex nicht allein dafür Verantwortlich ist, dass sich homonormative Vorstellungen herausbilden. Vielmehr spielen hier verschiedene Ebenen von Identitätskategorien eine Rolle, die eine Anpassung von weißen schwulen cis-Männern an die Mehrheitsgesellschaft begünstigten. Denn eins darf nicht vergessen werden, Schwule sind nie nur schwul, denn sexuelle Orientierung ist nur eine Identitätskategorie von vielen und in einem System, dass von männlicher Herrschaft und Rassismus geprägt ist, oftmals nicht die entscheidende.

In der Multidimensionalität von Identität darf eben nicht vergessen werden, dass Homonormativität gesamtgesellschaftlich dadurch begünstigt wird, dass sie vor allem ein weißes, cis-geschlechtliches Mittelschichtsweltbild begünstigt und deshalb vor allem weiße Schwule den Sprung in die bequeme Mitte der Gesellschaft geschafft haben. In einem patriarchalen System können sie sich deshalb leichter in bestehende Machtverhältnisse einordnen, da sie bereits mehr Privilegien besitzen als Schwarze Queers, Queers of Color, trans*, inter*, nicht-binäre Menschen – oder aber auch ihre lesbischen Mitstreiterinnen.

Männlichkeitsperformance und Abwertung von Weiblichkeit

Da Sex in heterosexuellen Moralvorstellungen ins Private gedrängt und damit von der Öffentlichkeit komplett ignoriert wird, begünstigt auch das die Anpassung vieler schwuler Männer an die Norm. Wer hat nicht schon mal den Spruch »Was ihr im Bett macht, geht uns nichts an« gehört, mit dem ein vorher stigmatisierter schwuler Sex genau so in die Unsichtbarkeit gedrängt wird, wie heterosexueller. Also egal, welche Sexpraktik die beiden Papas ausüben, denn was heteronormative und homonormative Weltbilder interessiert, ist eine Zweierbeziehung, Ehe, Familie. Wie soll hier schwuler Sex subversiv wirken?

Ein weiteres großes Problem ist die Männlichkeitsperformance, die sich innerhalb der schwulen Szene verstärkt an einem hyper maskulinem cis-hetero Ideal orientiert. Es ist eine lange Tradition innerhalb der schwulen Community, die Schwulen abzuwerten, die sich weiblich kodierten Verhaltensweisen, Kleidung, Sprache bedienen. Muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, weil alle sofort ein Bild haben. Gerade durch Dating-Apps hat sich eine »masc4masc« Bewegung etabliert, die toxische Männlichkeit re_produziert und sich damit unreflektiert Privilegien bedient, die über die Abwertung von Weiblichkeit funktioniert. Willkommen im Patriarchat!

Natürlich begünstigt diese Männlichkeitsperformance eine Unsichtbarkeit in der heterosexuellen Gesellschaft, die gleichzeitig die schwulen Männer verstärkt Gewalterfahrungen aussetzt, die diese Performance nicht bedienen. Und gleichzeitig auch trans*, inter* und nicht-binäre Menschen gefährdet, die eine Geschlechtsperformance zeigen und leben, die nicht kompatibel mit einer männlich dominierten Zweigeschlechtlichkeit ist.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich bei der Argumentation auf strukturelle Probleme und nicht auf einzelne Menschen verweise. Ich will nicht behaupten, dass alle weiße schwule cis-Männer unreflektiert sind, sondern dass Privilegien kompliziert sind. Denen, die sie haben, sind sie oftmals nicht bewusst – was nicht gleichzeitig heißt, dass sie nicht Teils des Systems sind und damit Sturkturen bewusst oder unbewusst fördern und Machtverhältnisse re_produzieren. Gleichzeitig erfahren schwule Männer immer noch Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Und zusätzlich können sie im Hinblick auf andere Identitätskategorien durchaus Privilegien genießen oder eben auch nicht.

Aufwachen und zwar bitte jetzt

Eine ähnliche Kritik an der Anpassung queerer Menschen an die heteronormative Gesellschaft formuliert auch Manuela Kay in »Sehnsucht nach Subversion. Ein Weckruf«. Sie zeigt die Absurdität des Anpassungsversuchs der queeren Community, von denen akzeptiert und integriert zu werden, die unterdrücken, ablehnen und für den Selbsthass vieler queerer Menschen verantwortlich sind. Durch das Bemühen, dazu zu gehören, werden die eigenen Werte und Lebenskonzepte verraten. Eine Forderung der sexuellen Selbstbestimmung wird verharmlost zu einem plakativen »Love is Love«, um endlich auch heiraten zu dürfen.

Dabei ist nicht das Problem, dass homosexuelle Paare nicht heiraten dürfen, sondern das Konzept »Ehe«, das ein Symbolbild für patriarchal gelebte Heteronormativität ist. Denn durch die weitere Festigung dieses institutionalisierten Zweierbündnisses werden alle anderen Lebensplanungen von glücklich Single, Polyamorie oder Beziehungskonzepte unter Freund*innen erschwert bzw. unmöglich gemacht werden. Der queere Ansatz sollte nicht sein, zu dem unterdrückenden Sytsem zu gehören, sondern neue Strukturen zu schaffen, die für alle gleich gut sind. Wahre Gleichberechtigung statt herrschaftsstützende Rechte.

Können wir Nicht-Heterosexuellen uns die nötige Achtung nicht selber, gegenseitig und miteinander verschaffen, statt verzweifelt dem Gütesiegel der Mehrheit hinterherzuhecheln?

Manuela Kay »Sehnsucht nach Subversion. Ein Weckruf«, S. 9.

Der Appell von Manuela Kay ist, dass queere Menschen aufwachen und sich auch ihrer selbstverschuldeten Unterdrückung befreien sollen. Sie sollen sich bewusst an ihre Außenseiter*innenposition zurück erinnern, denn diese ermögliche einen einmaligen Blick auf das System und all dessen Schwachstellen. Also ein direkter Bezug zu den revolutionären anti-rassistischen und anti-kapitalistischen Wurzeln des queeren Aktivismus.

Erinnert euch, wer der wahre Feind ist

Daran ansetzend kann Homonormativität nur überwunden werden, indem queer auch gleichzeitig intersektional gedacht wird. Es reicht nicht aus, Sex und sexuelle Orientierung in den Fokus zu nehmen, denn zum einen vernachlässigt es den Jahrhunderte langen Kampf gegen das gewaltvolle Geschlechtssystem, den Frauen, trans*, inter* und nicht-binäre Menschen führen. Und zum anderen leben wir in einem System, das auf der (kapitalistischen) Ausbeutung von Menschen beruht. Um wahren queeren Aktivismus zu betreiben, muss dieser konsequent anti-faschistisch, anti-rassistisch und anti-kapitalistisch sein, um auch die wirkliche Vielfalt und Diversität der queeren Community zu berücksichtigen.

Eine sexuelle Befreiung durch PrEP wie Karsten Schubert meint, reicht nicht aus, um Brücken zwischen einzelnen Positionen zu bauen. Ja, Sex der außerhalb der Hetero-Norm stattfindet ist subversiv und hat das Potential konservative Wertvorstellungen zu hinterfragen. Doch das machen parallel seit langem auch queer-feministische Diskurse, die sich gegen Ehe, Zweierbeziehung und männlich zentrierte Sexpraktiken stellen.

Statt auf eine sexuelle Befreiung zu hoffen, müssen verstärkt Privilegien reflektiert und verhandelt werden, um gemeinsam und füreinander gegen die Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen. Denn das bedeutet Allyship, also verbündetes Handeln, was es unbedingt mehr innerhalb der queeren Community braucht, statt sich ständig selbst zu zerfleischen. Denn der eigentliche Feind ist immer noch System, in dem wir alle gemeinsam leben.

Weitere Lektüre:

Hier findet ihr das Paper von Dr. Karten Schubert, auf dass ich mich beziehe: »A New Era of Queer Politics? PrEP, Foucauldian Sexual Liberation, and the Overcoming of Homonormativity«

Buch und Rezension zu Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter gibt’s hier:
»Queer und (Anti-)Kapitalismus«

»Sehnsucht nach Subversion. Ein Weckruf« (2021) von Manuela Kay ist bei Querverlag erschienen.


Und zum Artikel über Pride geht es hier lang: »Pride (in the name of activism)«

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