Anne Rice Part 2: »Interview with the Vampire« TV-Serie als Adaption mit queerem Update
Die »Interview with the Vampire« TV-Serie ist mehr als der Roman
In 2022, fast ein Jahr nach dem Tod von Anne Rice (1941-2021), startete auf AMC Networks eine neue Adaption von ihrem beliebtesten Roman – als »Interview with the Vampire« TV-Serie in zwei Staffeln (2022 und 2024) und insgesamt 15 Folgen. Die Geschichte von Louis de Point du Lacs erhält ein paar Veränderungen, die den Ausgangsstoff in ein neues Licht rücken und den bisher größten Vampir-Hype seit Twilight auslösten.
Ausgangspunkt der »Interview with the Vampire« TV-Serie ist wieder ein Interview. In der Gegenwart der Show, 2021 mitten in der Pandemie, bekommt ein mittlerweile gealterter Daniel Molloy (Eric Bogosian), der auf eine erfolgreiche Karriere als Investigativ-Journalist zurück blicken kann, ein Paket mit Tonkassetten und einer Einladung von Louis (Jacob Anderson). Dieser hat sich mittlerweile als vermögender Kunsthändler in Dubai niedergelassen und will nach Jahren der Selbstreflexion das Interview von 1973 mit Molloy wiederholen.


Neues Jahrtausend, neues Interview
Diese Veränderung der Ausgangslage ist genial. Sie erhält das Interview-Konzept des Romans aufrecht und schafft gleichzeitig Raum, alles bisherige in Frage zu stellen. Durch die neue Zeitebene ist es möglich, den Originaltext direkt zu reflektieren und zu kritisieren. Es entsteht eine intertextuelle Referenz zu allen vorherigen Texten und Adaptionen aus dem »The Vampire Chronicals«-Universum. Die TV-Serie setzt dadurch die Prämisse, dass sie sich nicht als reine Roman-Adaption versteht, sondern als Erweiterung der Geschichte.
Damit wird »Interview with the Vampire« eine neue Komponente hinzugefügt: die kritische Reflexion von Erinnerung und damit auch der Narration der Erzähltinstanz. Louis gibt selbst an, im vergangen Gespräch von 1973 (und damit der Roman- und Filmversion) einige Aspekte unterschlagen oder verklärt dargestellt zu haben.
Der beruflich und privat gereifte Daniel Molloy kann jetzt die kritischen Fragen stellen und auf die Lücken in Louis Geschichte hinweisen, die sein 20-jähriges Ich damals übergangen hat. Und gleichsam bekommen auch die Zuschauer*innen eine kritisch gerahmte und kommentierte Version der Erzählung, die problematische Aspekte des Ausgangstextes neu einfasst und kontextualusiert.
Louis wird zum unzuverlässigen Erzähler seiner eigenen Geschichte. Im Laufe der zwei Staffeln werden wie in einem Krimi nach und nach Aspekte freigelegt, die darauf hindeuten, dass Louis nicht nur Ereignisse bewusst verändert hat, sondern seine Erinnerungen auch manipuliert wurden.
Die TV-Adaption lässt durch das Hinterfragen von Erinnerungen und der Suche nach Wahrheiten außerhalb von Louis Sichtweise eine Multiperspektivität zu, die dem Originaltext fehlt und die Raum für kritische Betrachtungen und Veränderungen zulässt.
Rassismuserfahrungen als zentrales Thema
Eine der größten Veränderungen ist, dass Louis nicht mehr der weiße Plantagenbesitzer sondern ein Schwarzer Unternehmer (im Sexarbeitsgewerbe) ist, der selbst in der Familientradition von Sklavenarbeiter*innen steht. Die Handlung wird in die 1910er Jahre New Orleans verlegt. Das ermöglicht es, den Entwicklungsprozess des Schwarzen Hauptcharakters in rassistischen gesellschaftlichen Kontexten des 20. Jahrhunderts zu zeigen.

Die »Interview with the Vampire« TV-Serie übernimmt nicht die rassistischen Stereotype des Romans, sondern thematisiert Rassismus und dessen Auswirkungen direkt. Louis wird zu einem neuen vielschichtigerem Charakter, der nicht nur mit seiner Identität als Vampir hadert, sondern auch der eines Schwarzen schwulen Mannes in einer rassistischen und queerfeindlichen Gesellschaft.
Die Schwarze Positionierung ist in der Serie nicht nur ein color-blind casting, sondern wird zum wichtigen Teil von Louis Figur und deren Handlungssträngen. Zu dem wird die Beziehung zu Lestat (Sam Reid) als seinem weißen »Maker« komplexer – aber auch seine emotionale Verbindung zu Claudia (Bailey Bass in Staffel 1 und Delainey Hayles ab Staffel 2), welche in der Serie auch zur Schwarzen Teenagerin wird, mehrdimensionaler. Mehr zu Claudia gibt’s hier: Part 3: We need to talk about Claudia.
LOUIS: To satisfy your fixation, being transformed by Lestat, being desired by him, bedding down with him, was an overture of sorts to that side of my nature.
(»Interview with the Vampire« TV-Serie, Season 1, Episode 2: …After the Phantoms of Your Former Self, AMC, 2022)
DANIEL (sarcastically): The shame of queer theorists everywhere.
LOUIS: I got in that coffin on my own free will. In the quiet dark we were equals.
DANIEL (sarcastically): White master, Black student, but equal in the quiet dark.
Queerness wird voll ausgelebt
Zudem macht die »Interview with the Vampire« TV-Serie Schluss mit queer coding und lässt die Figuren ihre Queerness voll ausleben. Louis eigene Auseinandersetzung mit seiner Sexualität wird offener Bestandteil der Inszenierung. Schon in der ersten Folge gibt es eine Sexszene zwischen Lestat und Louis und damit auch eine Abkehr von der asexuellen Vampir-Darstellung von Anne Rice.
Sex und die Sexualisierung und Körpern wird an einigen Stellen der TV-Serie sehr präsent. Zum einem auf der Beziehungsebene von Louis und Lestat, bei der die Spannung zwischen monogamer und offener Beziehung und wechselnden Sexualpartner*innen außerhalb der 2er-Beziehung immer wieder zu Konflikten führt.
Liebe und Sexualität werden in der Serien-Version von »Interview with the Vampire« komplexer. In Anlehnung an die queeren Motive des Vampirs werden auch die Sexualitäten der Figuren breiter. Lestat lebt offen bisexuell und begehrt alle. Claudia verliebt sich in Menschen unabhängig ihres Geschlechtes, also in die konkrete Person. Und Louis lässt uns an seinen coming out Wegen als schwuler Mann teilhaben.

Auch die Geschichte zwischen Armand und Louis wird als queere Liebesgeschichte weitererzählt. Die Showrunner greifen dabei auf Handlungselemente aus anderen »The Vampire Chronicals« Romanen zurück. Die Adaption folgt dabei keiner linearen Handlung, sondern legt die Komplexität von Emotionen und Handlungen als Flickenteppich mit Versatzstücken aus dem ganzen Anne Rice Universum offen.
Zum anderen verzichtet die TV-Darstellung auf die Sexualisierung weiblicher Körper, ganz im Gegensatz zur 1994er Filmversion. Die Erinnerungssequenzen als Rückblenden in der Serie sind aus Louis Perspektive erzählt und damit aus einem gay male gaze (schwul-männlicher Blick). Das führt dazu, dass der männliche Körper als Lustobjekt empfunden wird. Gerade Lestat (Sam Reid) wird an vielen Stellen nackt oder halbnackt gezeigt.
Vampire zwischen Gewalt, Trauma und Heilung
Die Komplexität der wechselseitigen Beziehung zwischen Louis, Lestat und Claudia ist bereits in Anne Rices »Interview with the Vampire«-Roman zwischen Begehren, Abhängigkeit und Verachtung angelegt. Die Serien-Adaption geht auch hier einen Schritt weiter und erzählt die toxischen und gewaltvollen Elemente, die sich als traumatische Erfahrungen in die Figuren einschreiben.
Die Serie legt den trope der romantisieren toxischen Beziehung des Horror-Goth-Genres zwischen »Täter« und »Opfer« offen. Statt einer Glorifizierung des Täter in Form von »ja er ist gewalttätig, aber so sexy und charismatisch« wie es in dem Genre und bei den Fans oft passiert, wird der körperliche und psychologische Missbrauch zwischen den Figuren von verschiedenen Perspektiven aus erzählt.
Das an sich gewaltvolle Leben als Vampir (Blutsaugen und Menschen töten) wird auch als monströse Orgie in der »Interview with the Vampire«-Serie inszeniert. Diese brutale Grundkomponente wird oftmals als Entschuldigung genommen, um skrupelloses oder gewaltvolles Verhalten im Vampir-Universum zu verharmlosen. Das macht die Serie nicht.
Konflikte zwischen Lestat und Louis, die sich in gewaltvolle Eskalationen hochschaukeln werden nicht angedeutet, sondern in ihrer toxischen Ko-Abhängigkeit gezeigt und durch Daniel Molloy in der Gegenwarts-Ebene auch als solche kommentiert. Missbrauch, Traumaerfahrungen und Heilungsprozesse werden zum narrativen Hauptfokus für die Serien-Adaption.

Darf Vergeben möglich sein?
Die Zuschauer*innen werden ständig mit der Frage konfrontiert, wer in einer Charakter-Landschaft, in der alle als Täter*innen und Betroffene von Missbrauch mit ihren jeweiligen eigenen Traumata, sich gegenseitig Schaden, vertrauenswürdig ist. Keine Figur erfahrt ein redamption-Narrativ oder bekommt eine Form von Absolution und Entschuldigung für ihr Verhalten. Statt dessen werden die Figuren ständig nuancierter und vielschichtiger.
Die erste Staffel von »Interview with the Vampire« liefert Louis Perspektive auf die Erlebnisse, mit der zweiten Staffel beginnt diese zu bröckeln und wird durch Lestats Sichtweisen kontrastiert. Auch die Krimi-Rahmenhandlung über manipulierte Erinnerungen, die am Ende der zweiten Staffel zur Auflösung kommt, öffnet Perspektiven und Möglichkeiten, Figuren neu zu lesen.
Gerade das erlaubt es den Zuschauer*innen immer wieder neu zu der Adaption und der Serie zurück zu kommen, denn mit der Enthüllung am Ende von Staffel 2, kann die erste Staffel noch mal mit neuen Augen gesehen werden. Dieses Prinzip wird auch mit der dritten Staffel – jetzt umbenannt nach dem zweiten Roman von Anne Rice in »The Vampire Lestat« – weitergeführt, wenn die Serie komplett zu Lestats Perspektive wechselt.
Warum die »Interview with the Vampire« TV-Serie die beste literatur Adaption ist
Die Serien-Adaption von »Interview with the Vampire« ist eine der besten ihrer Art, gerade weil sie keine Original-getreue Verfilmung ist, sondern als moderne Interpretation von Anne Rices Roman funktioniert. Sie ist ein stand alone Werk, dass sich sowohl auf dem Roman »Interview with the Vampire« bezieht, als auch auf die komplette »The Vampire Chronicals«-Reihe.
Die TV-Serie greift die im Roman angelegten Themen und Motive auf, erweitert, aktualisiert sie und erzählt an den Stellen weiter, an denen vorher aufgehört oder abgebrochen wurde. Entstanden ist damit ein psychologisch komplexes Werk, das sowohl langjährige Fans der Reihe anspricht, als auch ein ganz neues Publikum für sich gewinnt.
Das liegt nicht zuletzt an dem unglaublichen Cast der Verfilmung. Sam Reid (Lestat) und Jacob Anderson (Louis) sind herausragend und magnetisierend in ihrer Darstellung. Sie geben den Figuren eine neue Tiefe und schaffen es, selbst die Erwartungen von Ultrafans zu übertreffen.
Auch Bailey Bass und Delainey Hayles als Claudia sind in ihrer jeweils eigenen Art unglaublich gut. Bass musste durch die Möglichkeit in den Avatar-Filmen zu arbeiten die Serie nach der ersten Staffel verlassen. Hayles übernimmt die Claudia-Rolle in der zweiten Staffel. Der Bruch ist nicht störend, sondern passt außergewöhnlich gut zu der neuen Situation der Figur, einer Claudia, die versucht, sich selbst neu zu finden.
Auch die Nebenrollen mit Eric Bogosian als Daniel Molloy und Assad Zaman als Armand sind großartig besetzt. Das Autor*innen Team um Serien-Creator Rolin Jones gibt mit jeder Staffel und jeder neuen Erzählperspektive dem Cast neue Möglichkeiten ihr Können zu zeigen.


Zukunft für das Anne Rice Universum
Aktuell läuft auf AMC Networks die dritte Staffel mit »The Vampire Lestat«, der Adaption des zweiten Buches aus »The Vampire Chronicals«. Die Ereignisse werden nun aus Lestats Perspektive gezeigt, der jetzt ein Rockstar ist. Der bisher schon eindringliche Soundtrack von Daniel Hart wird um Rocksongs erweitert, die von Sam Reid interpretiert werden.
Auch wenn es bisher keine offizielle Bestätigung seitens des Networks gibt, hat Creator Rolin Jones schon durchblicken lassen auch an künftigen Adaptionen der weiteren Anne Rice Romane interessiert zu sein. Die Fanbase und das Interesse gibt es definitiv dafür.
»Interview with the Vampire«, läuft auf AMC Networks, 2 Staffeln, 2022-2024.
Content Notes: Gewalt, Blut, Gewalt, sexualisierte Gewalt, Missbrauch, Rassismus.

Lies hier Part 1 der »Interview with the Vampire« von Anne Rice Beitragsreihe »Vom Roman zum Film – Vampire als queere Subversion und queer coding«


