Anne Rice: »Interview with the Vampire«, Part 1: Vom Roman zum Film – Vampire als queere Subversion und queer coding
Vom Roman zum Film zum popkulturellem Serien-Phänomen
Anne Rices »Interview with the Vampire« ist eine der bekanntesten Vampir-Erzählungen. Sie feiert in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum, denn in 1976 wurde der erste Teil zu Rices »The Vampire Chronicles«-Reihe von der amerikanischen Schriftstellerin (1941-2021) veröffentlicht. Darin geht es um den Vampir Louis de Pointe du Lac, der dem Journalisten Daniel Molloy 1973 in San Francisco seine Geschichte erzählt.
Louis erzählt von seinen Identitätskämpfen, seine Menschlichkeit hinter sich zu lassen und sich mit der Brutalität und Ewigkeit des Vampirseins zu versöhnen, und von seiner komplizierten Beziehung zu seinem »Maker« Lestat de Lioncourt und deren gemeinsamer Vampir-Tochter Claudia. Allein die Grundkonstellation der Erzählung lässt schon erahnen, warum »Interview with the Vampire« zu einem queeren fan favorite des Horror-Goth-Romance Genres gewurden ist.
In 1994 wurde »Interview with the Vampire« von Neil Jordan mit Brad Pitt (Louis), Tom Cruise (Lestat) und Kirsten Dunst (Claudia) verfilmt. Der Film war ein internationaler Erfolg, kann als Meisterwerk des späten queer codings in main stream Hollywood Produktionen gelesen werden und trug zu einem Aufleben des Kultes um die Buchreihe bei.
Die TV-Serien Adaption »Interview with the Vampire« von Rolin Jones geht noch einen Schritt weiter. Die seit 2022 auf AMC laufende Serie ist offen queer und nimmt einige notwenige Aktualisierungen am Original-Text vor. Sie erweitert die Themen der Erzählung um Rassismus, mentale Gesundheit, häusliche Gewalt und toxische Beziehungsverhältnisse. Und hinterfragt mit der Meta-Ebene des Interview-Formates die Verhältnisse von Erinnerung, Wahrheit und Narration.
Während die Verfilmung von 1994 hinter dem Roman zurück bleibt, gelingt es der TV-Serien Adaption von »Interview with the Vampire« die Komplexität der Vampir-Welt und deren Beziehungen zu erweitern. Aktuell geht sie mit »The Vampire Lestat« in die dritte Staffel und damit in die Umsetzung des zweiten Romans aus der »The Vampire Chronicles«-Reihe. Höchste Zeit zu schauen, warum »Interview with the Vampire« so populär ist.
Was die TV-Serie zu einem aktuellen queeren popkulturellen Highlight macht und vielleicht sogar zu einer der besten Roman-Adaptionen überhaupt (siehe Part 2).
Und was problematische Darstellungen rund um den Charakter Claudia sind, die zu einer ikonischen Vampir-Figur geworden ist (siehe Part 3).
»Interview with the Vampire« als besonderer Vampir-Roman
In den 1970er Jahren war die Popularität von Anne Rice und der »The Vampire Chronicles«-Reihe noch nicht abzusehen. Zu nächst hatte sie Schwierigkeiten ihren Debütroman »Interview with the Vampire« zu veröffentlichen und dann wurde er auch noch sehr gemischt von der Kritik aufgenommen. Er galt als Groschenroman, als langsames dahin Meditieren eines leidenden Hauptcharakters, das sich zu gewollt mit den großen Themen von Identität, Leben und Menschlichkeit auseinander setzt. Erst durch eine stetig wachsende Leser*innenschaft wurde die literarische Bedeutung von Anne Rices Werk für das Vampir- und Goth-Gerne als auch für die queere Community über die Jahrzehnte hinweg zementiert.

Mit »Interview with the Vampire« verschiebt Anne Rice den narrativen Fokus und stellt die Vampire selbst in den Mittelpunkt. Vor ihr wurden Horror- und Goth-Romance Geschichten aus der Perspektive der Opfer erzählt, doch sie zentriert die monströsen Täter und gibt ihnen ein komplexes Innenleben. Mit dem Rahmen des Interviews erzählt Louis über sich und sein Erleben als Vampir selbst.
Anders als in klassischen Vampir-Horror-Geschichten steht nicht Gewalt und Schrecken im Vordergrund. Louis verabscheut die Gewalt und das Morden, dass mit dem Vampirleben einher geht. Mit ihm als Erzählinstanz wird ein die Figur des Vampirs als Todbringer hinterfragt. Aus dem kalten, angsteinflößenden Schreckensvampir wird eine leidende Seele, die an ihrer Menschlichkeit versucht festzuhalten, während sie immer wieder mit der Brutalität des mordenden Vampirlebens konfrontiert wird.
Louis ist als Vampir nicht die Versuchung, nicht das Böse, sondern der Versuchte, die leidende Existenz. Damit wird der eigentliche Antagonist des Goth-Genres zur Hauptfigur.
Ihm gegenüber steht der Vampir Lestat, der Louis zum Vampir gemacht hat. Als sein »Maker« übt er eine besondere Anziehungskraft auf Louis aus, von der dieser sich immer wieder zu befreien sucht. Um Louis weiter an sich zu binden, macht er auch die 5-jährige Claudia zur Vampirin, die sie von da an als ihre »Tochter« aufziehen. Dem Nachkommen-Motiv folgend ist Claudia blutrünstig wie Lestat und emotional zerrüttet wie Louis.
Rice überträgt damit das Motiv der Romantik von der einsamen und gequälten Seele, die sich nach dem Tod sehnt, auf einen unsterblichen Vampir.Es gibt viele prominente Vampir-Figuren, die dieser Tendenz folgten – von Werner Herzogs »Nosferatu« Verfilmung (1979) bis hin zu modernen Versionen wie Bill Compton aus der HBO-Serie »True Blood« (2008-2014).
200 Jahre Leben als Vampir
Während die Rahmenhandlung des Romans das Interview ist, welches Louis 1973 mit »the boy« (erst in späteren Romanen als Daniel Molloy bekannt) führt, nimmt uns Louis mit seiner Erzählung über sein 200-jähriges Leben mit ins New Orleans 1791. Louis muss als Plantagen- und Sklavenbesitzer – ein rassistisches Motiv, das auch in der 1994 Verfilmung dargestellt wird und erst in der Serien-Adaption reflektiert wird – den frühen Tod seiner Frau und Tochter betrauern. In dieser Krise findet ihn der Vampir Lestat de Lioncourt und verspricht ihm ein Ende seines irdischen Leidens durch das ewige Vampirleben.
Von Beginn an ist die Beziehung von Louis und Lestat von Widersprüchen geprägt. Auf der einen Seite sind beide unbändig fasziniert voneinander und als Vampire codependent – Louis, weil er von Lestat die Bedingungen seiner neuen Existenz lernen muss und Lestat, weil Louis für ihn der Ausweg aus einer ewigen Einsamkeit ist. Doch Louis lehnt die Gewalt, das Töten und damit sein eigenes Vampirsein ab, während Lestat mit Menschen als Beute spielt.
Louis beginnt sich nur noch Tieren zu ernähren, was ihn am Leben hält aber nicht die Begierde als Vampir befriedigt. Im Rausch trinkt er von der 5-jährigen Claudia, die er neben der Pest-Leiche ihrer Mutter findet. Mit Schuldgefühlen geplagt, beschließt er Lestat zu verlassen. Dieser Nutzt die Situation und verwandelt Claudia ebenfalls zur Vampirin, um sie als gemeinsame Tochter aufzuziehen und Louis emotional an sich zu binden.

Claudia erweist sich als blutlüstig und skrupellos und erkennt mit den Jahren, dass sie zwar geistig reift, aber ihr Körper der eines ewigen Kindes bleibt. Zerrüttet und gequält von diesem Zustand macht sie Lestat für ihr Leiden verantwortlich. Gemeinsam mit Louis töten sie ihn und machen sich nach Europa auf, um andere Vampire zu finden.
In Paris stoßen sie auf das Théâtre des Vampires, einem Coven von Vampiren unter der Leitung von Armand, die auf der Bühne als Vampire, die Menschen spielen, die sich als Vampire ausgegeben, und der Gesellschaft damit einen blutrünstigen satirischen Spiegel vorhält. Armand und Louis fühlen sich zueinander hingezogen und Claudia, aus Angst, dass Louis sie verlassen könnte, bittet ihn, die Puppenmacherin Madeleine zur Vampirin und damit zu ihrer Gefährtin zu machen.
Doch Lestat hat den Moderversuch überlebt und fordert die Bestafung von Claudia, will aber dass Louis unversehrt bleibt. Der Coven übergeht die Forderung und begräbt Louis in einem Sarg und lässt Claudia und Madeleine im Tageslicht verbrennen. Armand befreit Louis und dieser tötet aus Rache an dem Mord von Claudia den gesamten Coven und brennt das Theater nieder. Louis verlässt darufhin Europa mit Armand doch kann sich nicht von dem Verlust von Claudia erholen.
Das Vampir-Genre als queere Subversion
Auch wenn die Verbindungen zwischen Louis und Lestat und Louis und Armand nicht offen als schwule Liebesbeziehung im Roman beschrieben werden, sondern sich in leidenschaftlich schwelgenden Formulierungen des Goth-Romance-Genres verstecken, ist an der Figurengrundkonstellation zu erkennen, warum »Interview with the Vampire« als queerer Klassiker gilt.
Das Vampir-Genre stellt von je her Beziehungsnormen in Frage. Der Akt des Blutsaugens wird in allen Horror-Kontexten sexualisiert. Wer welches Geschlecht dabei hat, spielt keine Rolle, weshalb schon in frühen Vampir-Erzählungen Raum für queere Interpretation und Identifikation gefunden wurde.
Zudem werden Familiennormative aufgebrochen, da menschliche Reproduktionsvorstellungen in der Vampirwelt keine Rolle spielen. Statt dessen werden komplexe (Wahl-)Familienverhältnisse aufgemacht, in denen der*die »Maker« (der*die Erschöpfer*in) zugleich Mutter*Vater und Geliebte*r sein kann. Familie, Leidenschaft, Gefühle und Erotik funktionieren außerhalb der Konstruktionen von Verwandtschaft, auch wenn hierbei wortwörtlich Blut geteilt wird.
Die Vampire leben versteckt, im Dunkeln der Nacht, im Untergrund und im Verborgenen. Sie werden mit ihren eigenen Wert- und Normvorstellungen von anderen als Bedrohung angesehen. Weitere Attribute mit denen sich marginalisierte Gruppen wie die queer Community identifizieren können. Gerade die Aspekte des Blutsaugens und Blutteilens bzw. der »Übertragbarkeit« des Vampirismus durch Blut sind im Kontext der Aids-Krise in den späten 1970er bis 1990er Jahre untrennbar mit queeren Themen verbunden.
Außerhalb der menschlichen heteronormativen Konventionen ist im Vampir-Universum alles möglich – und gerade deshalb von je her ein Ort für positive queere Selbstidentifikation, für queer Coding, für queere Fans und gesellschaftliche Subversion.
Sex im körperlichen Sinne findet in der Vampir-Welt von Anne Rice nicht statt, da menschliche Reproduktion für Vampire nicht relevant ist. Lust und Sinnlichkeit werden über den Akt des Blutsaugens ausgelebt – und durch aufgeladene Blicke und Dialoge. In den späteren Roman von Rice werden die queeren Beziehungen der Figuren auch expliziter. Der Autorin war schon früh bewusst, dass sie eine queere Leser*innenschaft anspricht und sich ihre Geschichten gegen Normvorstellungen des Zeitgeistes stellen.
From the beginning, I’ve had gay fans, and gay readers who felt that my works involved a sustained gay allegory … I didn’t set out to do that, but that was what they perceived. So even when Christopher was a little baby, I had gay readers and gay friends and knew gay people, and lived in the Castro district of San Francisco, which was a gay neighborhood.
Aus »Writer Anne Rice: ‚Today I Quit Being A Christian’«. NPR.org. NPR. Archiviert vom Beitrag 01.06.2012.
Neben »Interview with the Vampire« wurden auch der zweite Teil der Buchreihe »The Vampire Lestat« (1985) und der Nachfolger »Queen of the Damned« (1988) zu internationalen Bestsellern und machten Anne Rice zu einer der meist gelesenen Autorin der Moderne.
»Interview with the Vampire« (1994): Ein Film zwischen cringe, camp und queer coding
CN: sexualisierte Gewalt
Schon vor der Romanveröffentlichung wurde die Filmrechte an Paramount Pictures verkauft. Nachdem es Jahre in der Entwicklung festhing erwarb Warner Bros. Pictures die Lizenen und beauftragte Neil Jordan mit der Umsetzung. Das Filmbudget von 70 Mio. US-Dollar war das bis dahin höchste für einen Vampir-Film.
Anne Rice schrieb das Drehbuch selbst und überlegte zunächst aus Angst vor queerfeindlichen Tendenzen Hollywoods Louis als Frau für den Film umzuschreiben.
Dass es in Rices Vampir-Welt keinen Sex gibt, kommt auch der Verfilmung entgegen, die Blutsaugen an vielen Stellen als heterosexuelles Begehren inszeniert. Die Beziehung zwischen Louis und Lestat wird bewusst uneindeutig gelassen, auch wenn verschiedene Szenen klar homoerotisch konotiert sind. Dazu zählen die orgasmisch anmutende Sequenz, in der Louis zum Vampir wird oder das romantisch verklärte Aufeinandertreffen von Louis und Lestat am Ende des Films.
LESTAT: »You’ve come home to me, then? You remember how I was? The vampire that I was.«
»Interview with the Vampire« (1994), Warner Bros. Pictures, direction Neil Jordan, script Anne Rice.
LOUIS: »Yes, I remember«
LESTAT: »Ahhh…no one could refuse me. Not even you, Louis.«
LOUIS: »I tried.«
LESTAT: »Yes, you tried. And the more you tried, the more I wanted you.«
Zwischen Louis und Armand wird zwar dialogisch von Begehren gesprochen, doch auch einem Kuss weicht Louis in der Abschiedsszene explizit aus und beendet die Beziehung bevor sie begonnen hat. Und bleibt damit ganz in der Tradition von Hollywoods queer coding, damit die leidende vermeintlich queere Person kein Happy End haben kann.
Gleichzeitig sexualisiert der Film weibliche Körper und Gewalt an ihnen. Frauen als Opfer der Vampire werden fast immer halb oder ganz nackt gezeigt, während die wenigen männlichen Opfer bekleidet bleiben. Auf der Bühne des Théâtre des Vampires wird vor den Augen der menschlichen Zuschauer*innen (und der Filmzuschauer*innen) eine sich sichtbar wehrende Frau ausgezogen und dann von mehreren Vampiren gemordet. Die Szene erinnert stark an Vergewaltigungsszenen.
Im Film bleibt das Publikum schockiert, aber teilnahmslos – nur Claudia komment die Szene als abstoßend. So kritisch die Filmszene und ihre Vorlage im Roman ist, sie zeigt auch die Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft im Hinblick auf sexualisierte Gewalt an Frauen.
Neil Jordans Vision für den Film entspricht der »Schundromanzen«-Lesart des Romanes, die er im Film mit übertriebenen Camp-Elementen umsetzt. Die Darstellung des Casts ist in allem überspitzt, die Theatralik hochgedreht. Bis auf die furchtbaren Perücken erinnern auch Kostüme und Szenenbilder an eine Nachtversion vom historischen Filmklassikern aus dem Goldenen Hollywoodzeitalter. Auch das Attribute, die als queeren codes in gelten und für die der Film bis heute bei Fans beliebt ist.



Drama hinter den Kulissen
Letztendlich wurde Brad Pitt in der Rolle des Louis gecastet, der damit den internationalen Durchbruch an der Seite von 1990er-Jahre Hollywood-Liebling Tom Cruise als Lestat schaffte. Doch Pitt hasste die Rolle und verweigert auch seit je her über den Film in Interviews zu sprechen. Seine schlechte Stimmung passte am Ende zu der negativen Haltung der Filmversion von Louis.
Ann Rice war dagegen sehr mit Tom Cruise als Lestat unzufrieden und kampierte noch während der Produktion dafür, ihn umzubesetzen. Nach ihren Angaben sei er zu platt, oberflächlich und nicht elegant genug in der Rolle gewesen.
Auch die zeitgenössischen Kritiken bemängelten unter anderem die Performance von Cruise und Pitt sowie die oberflächliche Charakterdarstellungen der Filmversion. Gleichzeitig war »Interview with the Vampire« ein Publikumsliebling und verhalf auch der Roman-Reihe von Rice zu neuer Popularität in den 1990ern, was auch zu weiteren Verfilmungen ihrer Bücher führte.
Kirsten Dunst gibt als Claudia ihr Filmdebüt und spielt mit ihren damals 11 Jahren Cruise und Pitt komplett an die Wand. Für sie waren die nächtlichen Dreharbeiten für ihre erste Filmrolle eine besondere Herausforderung. Auch der Film-Kuss mit dem damals 31-jährigen Brad Pitt, stellte für Dunst ein Problem dar und wird nicht nur von ihr heute kritisch betrachtet (mehr dazu in Part 3: We need to talk about Claudia). Noch heute gilt ihre Claudia-Interpretation als eine der besten Kinderdarsteller*innen-Performances. Und nicht zuletzt verhalf sie damit der Figur zu ikonischem Status in gesamten Vampir-Universum.
Dass Antonio Banderas als Armand gecastet wurde, setzt nicht nur seine Verkörperung von schwulen Charakteren in den Filmen von Almodóvar fort, sondern ist nach Philadelphia (1993) seine zweite Hollywood-Rolle als (vermeintlich) queerer Love Intrest bzw. Partner.
Neues Jahrhundert, neue Adaption, neuer Hype
Fast 20 Jahre nach der Neil Jordan Verfilmung kommt 2022 eine neue Adaption von »Interview with the Vampire« auf den Bildschirm. Diesmal als TV-Serie, die einige notwendige Adaptionen an dem fast 50 Jahre alten Roman vornimmt und damit ein ganz neues Publikum begeistern kann und damit den größten Vampir-Hype nach Twilight auslöst.
Das Buch »Interview with the Vampire« und die ganze »Vampire Chronicals« Reihe ist im Englischen Original bei Penguin Random House als Taschenbuch erhältlich.
Die deutsche neu überarbeite Übersetzung von Karl Berisch und C.P. Hofmann ist auch bei Penguin erhältlich.



